Die Amerikaner lieben ihre Fernsehtherapeuten. »Dr. Phil« ist für Ehekrach zuständig, »Dr. Oz« für dubiose Diätpillen und Oprah Winfrey, die Hohepriesterin der Branche, für Popkultur und Königshäuser.

Am Dienstagabend debütierte hier ein neuer TV-Therapeut: Joe Biden. Bei seiner ersten Bürgerversammlung als Präsident – in den USA Town Hall Meeting genannt – stellte der sich in Milwaukee vor CNN-Kameras den Fragen der Bürgerinnen und Bürger – und massierte die wunde Psyche der Nation.

Coronakrise, Rassismus, Polizeigewalt, Terror, Spaltung und – wie sollte es anders sein – Bidens Vorgänger: Obwohl erst vier Wochen im Amt, bemerkte CNN-Moderator Anderson Cooper, müsse Biden schon mit »mehreren Krisen« gleichzeitig jonglieren – und Donald Trumps beharrliche Präsenz im Off ist eine der harmloseren.

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Fragen über Fragen: Biden und CNN-Moderator Cooper bei der Town-Hall-Sendung

Foto: Evan Vucci / AP

Was mir freilich am meisten auffiel, war der Ton des neuen Präsidenten. Keine Tiraden, keine krassen Lügen, kein endloses Eigenlob. Biden war seriös und authentisch, was auch mal hieß, dass er sich in Satzlabyrinthen verlief. Man kann ihn als Politiker ablehnen, doch beim besten Willen nicht als Mensch. Macht uns das wiederum zu besseren Menschen? Hoffentlich. Wahnwitziger Gedanke, nach vier Jahren Trump.

So sprach er Cooper gleich zur Begrüßung ungefragt auf dessen neun Monate alten Sohn an: »Jeder weiß, dass ich Kinder lieber mag als Leute.« Später beruhigte er eine Achtjährige, deren Mutter ihm eine Frage nach Covid-19 stellte: »Hab keine Angst, Honey, alles wird gut.«

600 Millionen US-Impfdosen

Natürlich wird nicht alles gut, gerade was die US-Coronakrise angeht. Fast eine halbe Million Amerikaner ist gestorben, das Impfprogramm auch hier in weiten Teilen des Landes ein ziemliches Debakel, gerade in New York City, wo ich lebe: keine leichte Ausgangslage für Biden.

Biden leugnete das nicht. Bis Ende Juli,…