Wir blicken heute ein Jahr zurück, auf den Terroranschlag von Hanau und weiter offene Fragen. Außerdem schauen wir auf die Zukunft Syriens und die Nöte der Kulturschaffenden in der Pandemie.

Anschlag ohne Abschluss

Wenn ein Mord geschieht, dann ist der Prozess gegen den Täter meist eine Zäsur für die Angehörigen des Opfers. Er soll alle wichtigen Fragen aufarbeiten, die auch die Angehörigen haben: Was war das Motiv des Täters, wie ist er vorgegangen, warum musste das Opfer sterben?

Am 19. Februar 2020 tötete ein Mann in Hanau neun Menschen mit Migrationshintergrund, bevor er seine Mutter und sich selbst erschoss. Weil der Täter nicht mehr lebt, gibt es auch keinen Prozess.

Den Angehörigen also fehlt die Zäsur, ihre Fragen bleiben: Warum gingen an dem Abend viele Notrufe nicht bis zur Polizei durch? Warum durfte der Täter zwei Waffenbesitzkarten haben, obwohl er psychisch krank war? Warum war in der Shishabar ein Ausgang zugesperrt?

Meine Kollegin Özlem Gezer und mein Kollege Timofey Neshitov haben die Familien von Hanau monatelang begleitet. Herausgekommen ist ein Zeugnis der Bedrückung und der Abkehr von Deutschland. Und auch eines, an dem sich lernen lässt.

»Ein Jahr nach Hanau ist uns allen klar: Es kann morgen wieder passieren«, sagt Farhad Dilmaghani, der Vorsitzende des Vereins DeutschPlus, der heute für die Bundeskonferenz der Migrantenorganisationen an einem Pressegespräch teilnimmt. »Um es zu verhindern, brauchen wir ein antirassistisches Klima in unserer Gesellschaft: mehr Wissen und Aufklärung über Rassismus. Strukturelle Veränderungen in der Durchlässigkeit unseres Landes und neue Instrumente wie ein Ministerium für Gesellschaftlichen Zusammenhalt, Antidiskriminierung und Migration oder ein Bundesantidiskriminierungsgesetz.«

Es klingt nach einem dicken Aufgabenpaket. Aber wahrscheinlich ist es nötig. Das ist die Lehre von Hanau.

Vergessenes Land

Die Pandemie spült Themen nach oben, die längst in der Versenkung verschwunden waren. Das deutsche…