SPIEGEL: Die Zeiten, als Astronauten möglichst harte Hunde sein mussten, sind vorbei. Welche neuen Qualitäten brauchen Europas Frauen und Männer im All in der Zukunft?

Boos: Psychologische Aspekte sind weiterhin sehr wichtig. Die testen wir auch während des Auswahlverfahrens. Man muss motiviert sein und unter Druck gut arbeiten können. Man muss bereit sein, Experimente notfalls an sich selbst durchzuführen. Bewerber müssen auch damit klarkommen, dass sie für viele Monate von vielen sozialen Kontakten abgeschnitten sind. Und sie müssen bereit sein, sich einem hohen Risiko auszusetzen. Raumfahrt ist noch immer gefährlich.

SPIEGEL: Europa hat schon sieben aktive Astronauten – einer von ihnen ist noch nicht geflogen, die anderen höchstens zweimal. Warum geht die Europäische Weltraumorganisation nun erneut auf Personalsuche?

Boos: Es geht darum, die nächste Generation für unser Astronautenkorps auszuwählen. Vor allem soll die Gruppe auch diverser werden als bisher. Aus diesem Grund ermutigt die Esa ausdrücklich Frauen dazu, sich zu bewerben.

SPIEGEL: Bis jetzt sehen Europas Raumfahrer ziemlich gleich aus. Es gibt sechs weiße Männer mit mehr oder weniger kurzen Haaren und eine einzige Frau. Pilot zu sein, scheint auch zu helfen. Wie bekommt die neue Astronautenklasse mehr Diversität?

Boos: Zunächst mal ist es ein Mythos, dass man ein Pilot sein muss…

SPIEGEL: Wenn wir uns die aktuelle Liste der Esa-Raumfahrer mal ansehen: Samantha Cristoforetti – Pilotin. Luca Parmitano – Pilot. Tim Peake – Pilot. Thomas Pesquet – Pilot. Ein Nachteil scheint es jedenfalls nicht zu sein.

Boos: Das letzte Mal haben wir darauf ein bisschen mehr Wert gelegt. Ein Masterabschluss als Testpilot wird anerkannt, aber man muss kein Pilot sein. Wir wollen es möglichst leicht machen, sich bei uns zu bewerben. Und wir müssen die Anzahl der Frauen bei uns definitiv erhöhen, das ist gar keine Frage.

SPIEGEL: Bei der letzten europäischen Astronautensuche waren unter gut 8400…