Das Gleis 11 am Münchner Hauptbahnhof. Hier kam damals ein Großteil der sogenannten Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter in Deutschland an. Damals, das war zwischen 1955 und 1973. Um die Maschinerie des deutschen Wirtschaftswunders am Laufen zu halten, wurden dringend Arbeiter benötigt. Denn ein großer Teil der männlichen deutschen Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter fehlte – aufgrund von Tod, Gefangenschaft oder anderen Folgen des Krieges. Also wurden mit mehreren Ländern Anwerbeabkommen geschlossen, die dafür sorgen sollten, dass der Strom an arbeitsfähigen Männern – und später auch Frauen – nicht abriss. 

Aus Italien, Spanien, Griechenland, der Türkei und fünf weiteren Ländern machten sich während dieser 18 Jahre abertausende Menschen auf den Weg in ein ihnen unbekanntes Land. Ohne Internet, ohne soziale Medien – die einzige Verbindung zur fernen Heimat waren Münztelefone, wenn überhaupt. Der Großteil der Kommunikation mit den Verwandten und Freunden im Herkunftsland lief über Briefe und Päckchen, die teilweise Wochen brauchten, bis sie ankamen. 

Çağdaş Yüksels Großmutter (links) kurz nach ihrer Ankunft mit ihrem Mann und sechs ihrer Kinder

Es kamen Menschen

2021 blickt Deutschland auf das 60. Jubiläum des Anwerbeabkommens mit der Türkei zurück. „Wir riefen Arbeitskräfte, und es kamen Menschen“, sagte der Schweizer Schriftsteller Max Frisch 1965 über diese Zeit. In Nordrhein-Westfalen, dem Bundesland, in dem der Film entstand, hat heute rund ein Drittel der Menschen Einwanderungsgeschichte. 

Die Ersten, die damals kamen, sind heute alt, teilweise sehr alt. Viel wurde geschrieben über ihre Kinder und ihre Enkel: Die zweite und die dritte Einwanderergeneration waren und sind Thema unzähliger Talkshows, Filme und Dissertationen. Doch die Ersten – die, die damals vom Bahnsteig quasi direkt in den Schacht fuhren oder in die Näherei kamen – über sie wurde wenig gesprochen. Vor allem kamen sie so gut wie nie selbst zu Wort in deutschen Medien.