1. Deutschlands Nachbarländer, die EU und Wirtschaftsleute sind wegen der Grenzkontrollen aufgebracht – aus Wissenschaftssicht sind sie wohl richtig

Wenn in der deutschen Politik Latein gesprochen wird, geht es mit den Verständigungsschwierigkeiten meistens erst los. Das liegt nicht bloß daran, dass viele Menschen kein Latein verstehen. Regierungssprecher Steffen Seibert sprach heute von einer »Ultima Ratio«. Er verteidigte mit diesem schönen Ausdruck die Entscheidung der Regierenden, an den Grenzen zu Tschechien und zum österreichischen Bundesland Tirol strengere Kontrollen einzuführen. Dass es sich dabei wirklich um ein »letztes Mittel« handelt, was die Lateinfloskel ausdrücken soll, einen mangels Alternativen aus großer Not geborenen Entschluss, um die Einschleppung von gefährlicheren Varianten des Coronavirus aus Nachbarländern zu verhindern, bezweifeln sehr viele Menschen. Wirtschaftsvertreter zum Beispiel, die den Warenverkehr und die Versorgung deutscher Unternehmen gefährdet sehen. Vor allem aber Politiker aus Wien, Prag und Brüssel.

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Foto: Matthias Balk / dpa

Beamte der Bundespolizei und der bayerischen Grenzpolizei kontrollieren seit Sonntag den Verkehr – und schickten auch heute Tausende Einreisewillige zurück, die nicht unter mehr oder weniger eilig verfügte Ausnahmeregelungen fallen. Schon am Wochenende gab es Kritik von der EU an der deutschen Abschottung. Am Sonntagabend wurde der deutsche Botschafter in Wien zu einem Gespräch im österreichischen Außenministerium eingeladen.

Heute nannte ein Vertrauter von Präsident Emmanuel Macron den deutschen Abgrenzungs-Sonderweg eine »harte Entscheidung«. Aus wissenschaftlicher Sicht ist die Abschottung vermutlich sinnvoll, aber nicht allzu effektiv. Werden sich die in Deutschland derzeit wohl noch weniger als in Tschechien und Tirol verbreiteten britischen und südafrikanischen Virusvarianten wegen der Grenzschließungen tatsächlich etwas langsamer verbreiten?…