SPIEGEL: Herr Possuelo, das Coronavirus hat inzwischen alle Gebiete der indigenen Völker in Brasilien erreicht und Zehntausende infiziert. Derzeit breitet sich eine zweite Welle aus. Besonders beunruhigend ist die Lage bei den Yanomami, die an der Grenze zu Venezuela leben. Dort sind viele junge Menschen betroffen. Zehn Kinder sind in den vergangenen Wochen an dem Virus verstorben, darunter sieben unter zwei Jahren. Wie lässt sich das erklären?

Sydney Possuelo: Indigene Menschen, Erwachsene wie Kinder, sind für alle Infektionskrankheiten wesentlich anfälliger. Aus der Geschichte wissen wir, dass Viren und andere Erreger weitaus mehr Menschen töteten, als etwa in den Kämpfen mit europäischen Einwanderern starben. Ausbrüche von Grippe, Windpocken oder Masern, alles eingeschleppte Krankheiten, trafen die Indigenen immer wieder schwer. Ihre Immunsysteme sind für von außen kommende Krankheiten nicht ausgerüstet.

Zur Person

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Sydney Possuelo, Jahrgang 1940, leitete von 1991 bis 1993 die brasilianische Indigenenschutzbehörde Funai. Bis zu seiner Absetzung 2006 stand er der Abteilung für isolierte Indigene vor. Er gilt als einer der größten Experten für die Urvölker des Amazonasgebiets und wurde mit zahlreichen internationalen Preisen ausgezeichnet, darunter der Goldmedaille der »National Geographic Society« und dem vom spanischen König verliehenen Preis »Bartolomé de Las Casas«.

SPIEGEL: Die weltweite Datenlage zeigt, dass gerade Kinder unter zwei Jahren bei einer Infektion mit dem Coronavirus selten unter schweren Verläufen leiden. Wieso ist das bei den Yanomami anders?

Possuelo: Mir liegen keine Informationen zu den einzelnen Fällen vor. Klar ist allerdings, dass sich die Lebensumstände der Yanomami stark verschlechtert haben. Viele Kinder sind unterernährt oder leiden an Vorerkrankungen wie Anämie oder Durchfall. Das Überleben der Yanomami basiert auf Jagen und Fischen. Doch in ihr Gebiet dringen immer mehr…