Kanzlerin in Karnevalsstimmung? Gestern ging sie als Virologin.

Moderator Claus Kleber interviewt Barack Obama, Moderatorin Mariette Slomka interviewt Angela Merkel – das ZDF-»Heute Journal« hat bei den Zusagen hochrangiger Gäste gerade einen Lauf. Doch Kleber hat in der Anmoderation seines Interviews souverän zugestanden, dass sein Gast Obama nun wohl hauptsächlich das eigene Buch bewerben wolle; und dass sich die Kanzlerin gestern nicht aus Freude an der Sache den Fragen von Slomka gestellt hat, versteht sich von selbst: Angela Merkel hat ähnlich viel Spaß an Interviews wie an Wladimir Putins groß gewachsenen Hunden.

Natürlich weiß die Kanzlerin, dass ihre Regierung – mindestens – ein Kommunikationsproblem hat. Die hiesige Bevölkerung sieht, dass die abtrünnigen Briten das Impfen schneller hinbekommen als die EU-Länder und stellt sich gerade sehr grundsätzliche Fragen, was mit der eigenen Regierung eigentlich los ist. (Hier mehr zur Stimmung der Deutschen in Bezug auf die EU.)

Wenn die Bundeskanzlerin mit ihrem gestrigen Fernseh-Auftritt bewirken wollte, dass ihrer Politik mehr Verständnis entgegengebracht wird, so hat sie diese Chance vertan. Hatte ihr vorher niemand gesagt, dass zwar Karnevalszeit ist, aber keiner von ihr erwarte, in eine andere Rolle zu schlüpfen? Sie wirkte jedenfalls, wie so oft in letzter Zeit, eher wie eine Selfmade-Virologin, die Inzidenzwerte und Fristen zu vermitteln hat, denn als Regierungschefin.

Ja, sie hat auch ihre Politik erklärt, aber sie hat sich kaum zur Kritik der Bevölkerung an dieser Politik verhalten. Die wachsame Marietta Slomka versuchte alles, um die Kanzlerin dahin zu bringen, wo sie auch der Linken-Politiker Dietmar Bartsch vorgestern im Bundestag hat bringen wollen: mit mehr Selbstkritik auf sich und das eigene Handeln zu schauen.

Irgendwann ließ die Kanzlerin zwar wieder einmal durchblicken, dass ihr die Ministerpräsidentenrunde im Herbst zu zögerlich war – sie habe das aber mitgetragen, betont sie dann….