Jordi Sànchez friert. Es ist halb zehn Uhr an diesem Freitagmorgen in Barcelona, Sànchez kommt gerade aus dem Gefängnis, zum Treffen erscheint er in Hemd und dünnem Pulli. Jetzt versucht er verzweifelt, die Heizung in der Parteizentrale in Gang zu bringen. Viel Zeit hat er nicht, am Wochenende will er eine Wahl gewinnen, dann muss er zurück in seine Zelle.

Jordi Sànchez ist einer von neun Katalanen, die zu langen Haftstrafen worden sind, weil sie in ihrem Kampf für eine unabhängige Republik Gesetze gebrochen haben. »Presos polítics« nennen die Separatisten sie, politische Gefangene.

Gleichzeitig führt Sànchez als Generalsekretär von Junts per Catalunya die liberal-konservative Separatistenpartei in die Regionalwahl am Sonntag. Tagsüber und am Wochenende hat Sànchez Freigang. Er tritt dann auf Marktplätzen und Bühnen auf, wirbt für die Spitzenkandidatin Laura Borràs. Die Partei braucht ihn als Symbolfigur.

»Für mich ist der Wahlkampf wie eine Sauerstoffblase«, sagt er. Das Gefängnis sei kein schöner Ort.

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Jordi Sànchez im Wahlkampf: Symbolfigur

Foto: JOSEP LAGO / AFP

Zum Helden der Separatisten wurde Sànchez im Spätsommer 2017. Monatelang peitschte Sànchez damals die Unabhängigkeitsbefürworter in Katalonien auf. Als Chef der großen zivilgesellschaftlichen Separatistenorganisation ANC lenkte er die meist friedfertigen Massen. Die Demonstranten verhinderten am 20. September, dass die Polizei das katalanische Wirtschaftsministerium durchsuchen konnte. Bilder zeigen Sánchez auf einem demolierten Polizeiauto. Die Beamten trauten sich erst am nächsten Tag wieder aus dem Gebäude.

Die Kampagne von Sànchez und seinen Mitstreitern stellte Spanien vor eine historische Zerreißprobe. Am 1. Oktober 2017 stimmten die Katalanen in einem Referendum über die Unabhängigkeit ab, illegalerweise, wenn man so will. Das Verfassungsgericht hatte die Abstimmung verboten. Regionalpräsident Carles Puigdemont rief die Republik…