Bereits im Wahlkampf hatte der Rechtspopulist Jair Bolsonaro für eine Bewaffnung der Bürger geworben, damit diese sich gegen die grassierende Kriminalität und Gewalt im Land zur Wehr setzen könnten. Als Präsident liberalisierte er dann tatsächlich mithilfe mehrerer Dekrete die Regeln für den Erwerb und das Tragen von Schusswaffen in Brasilien. 

Unter anderem dürfen Zivilisten nun bis zu vier Waffen zu Hause oder am Arbeitsplatz verwahren. Sie haben Zugang zu Kalibern, die früher nur vom Militär oder der Polizei verwendet wurden, und dürfen deutlich mehr Munition erwerben. Auch die Importsteuer für Schusswaffen ist seit neuestem abgeschafft. 

Legale und noch vielmehr illegale Waffen

Die Lockerungen scheinen zwei Jahre nach Bolsonaros Amtsantritt ihre Wirkung entfaltet zu haben. Waren 2018 noch knapp 700.000 Schusswaffen in legalem Privatbesitz, so besitzen Sportschützen, Jäger, Sammler und eben Bürger, die sich selbst verteidigen wollen, zusammengenommen nun knapp 1,2 Millionen Waffen. Das ist ein Anstieg von 65 Prozent. Die Daten wurden im Rahmen einer Recherche der brasilianischen Tageszeitung „O Globo“ bei der Bundespolizei und dem Militär in Erfahrung gebracht.

Nun scheinen 1,2 Millionen Schusswaffen in einem Land mit mehr als 211 Millionen Einwohnern immer noch nicht besonders viel, wenn man Brasilien mit anderen Ländern vergleicht. So soll es im Waffenliebhaberland USA sogar mehr Waffen als Einwohner geben, auch in Deutschland sind deutlich mehr Waffen als in Brasilien registriert: Mehr als fünf Millionen bei 83 Millionen Einwohnern.

Allerdings sind die registrierten Waffen in Brasilien nur ein Bruchteil von dem, was tatsächlich zirkuliert, wie Wirtschaftswissenschaftler Thomas Victor Conti erklärt: „Einige Studien gehen davon aus, dass die tatsächliche Anzahl der Schusswaffen zehn bis 15 Mal höher sein könnte.“ Dabei handle es sich etwa um illegale Waffen im Bereich der organisierten Kriminalität oder um Waffen, die Privatleute einfach nicht…