SPIEGEL: Herr Professor Flegr, die Deutschen sind es gewohnt, sich die Pandemie von Medizinern erklären zu lassen. Sie aber sind Parasitenkundler und Evolutionsexperte, Sie haben schon vergangenen Sommer die schwere Infektionswelle vorhergesagt, die derzeit ihr Land heimsucht. Was haben Parasiten mit Corona zu tun?

Jaroslav Flegr: Viren sind Parasiten. Mein Forschungsgebiet seit mehr als 20 Jahren ist die Evolution von Mikroorganismen. Wie verändern sich Viren? Welche Rolle spielen Umwelteinflüsse oder der Entwicklungsstand einer Epidemie?

SPIEGEL: Drei Landkreise in Tschechien sind abgeriegelt. Deutschland schließt die Grenzen wegen der hohen Infektionsrate in Ihrem Land. Können Sie erklären, warum die Tschechische Republik so hart von der Pandemie getroffen wird?

Flegr: Schuld ist die Regierung. Vergangenen Sommer, als die Infektionszahlen nach einem ersten Lockdown gefallen waren, hat sie sich nicht getraut zuzugeben, dass weitere Wellen drohen und dass Schutzmaßnahmen nötig wären. Das war unpopulär, im Oktober fanden Senatswahlen und Regionalwahlen statt, die Premier Andrej Babiš unbedingt gewinnen musste. Als sie die Gefahr Mitte Oktober einräumten, war es zu spät, die zweite Welle bereits da. Jetzt erleben wir aber schon eine dritte Welle. Im Winter steckt ein respiratorisches Virus wie Corona automatisch mehr Menschen an als im Sommer. Im Winter setzen sich – das weiß ich als Evolutionsbiologe – auch virulentere Mutanten durch. Es war schon im Sommer abzusehen, dass die Pandemie sich wieder so aggressiv ausweiten würde.