Am Tag vor dem Interviewtermin schickt Nandar, Aktivistin und Podcasterin aus Myanmar, diese WhatsApp-Nachricht: »Ich wollte dir nur mitteilen, sollte ich morgen früh nicht online und erreichbar sein, liegt es am Militär. Hast du es schon in den Nachrichten gehört?«

Montag, der 1. Februar ist es da, ganz früh am Morgen deutscher Zeit, bei Nandar schon Mittag. Es ist der Tag, an dem in Myanmar das Militär die Führung übernimmt, den Notstand ausruft, die Regierungschefin Aung San Suu Kyi entmachtet und mit anderen Politikern festnimmt. Ein Putsch.

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Aung San Suu Kyi 2019 in Tokio, Japan

Foto: PIERRE EMMANUEL DELETREE / Getty Images

Tage vorher schon war über so einen Schritt spekuliert worden. Spannung gab es vor allem wegen angeblichen Wahlbetrugs bei den Parlamentswahlen im November 2020, bei denen Suu Kyi eine zweite Amtszeit und ihre Partei NLD nach offiziellen Angaben die absolute Mehrheit geholt hatten. Nach jahrzehntelanger Militärdiktatur war Suu Kyi 2015, bei den ersten freien Wahlen seit 1962, an die Macht gekommen.

Am 1. Februar patrouillieren Soldaten auf den Straßen der Hauptstadt Naypyidaw und der größten Stadt Yangon. Die Aktivistin Nandar, die sich nur bei ihrem Vornamen nennt, erlebt den Putsch morgens zu Hause, in ihrer Wohnung in Yangon. Dass etwas nicht stimmt, merkt sie daran, dass sie keinen Internetempfang mehr hat. Ihr Handy kann sich nicht in die sozialen Netzwerke einwählen, die sie sonst gleich beim Aufstehen öffnet. Das kommt ihr komisch vor.

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PRABIN RANABHAT / Feminist Talks with Nandar

Nandar, Jahrgang 1995, ist eine Autorin und Übersetzerin aus Myanmar. Sie bloggt und hat zwei Podcasts: »Feminist Talks« und »G-Taw Zagar Wyne«. Darin beschäftigt sie sich mit Feminismus in ihrem Heimatland und spricht Themen an, die in der myanmarischen Gesellschaft tabuisiert werden, zum Beispiel Sexualität und Fragen rund um den weiblichen…