Kein Land auf der Welt impft so schnell wie Israel: Sechs Wochen nach Beginn seiner Impfkampagne hat mehr als jeder und jede dritte Israeli eine erste Dosis bekommen. Fast zwei der insgesamt neun Millionen Einwohner sind bereits vollständig immunisiert.

Die Impfung steht auch arabischen Israelis zu, also Palästinensern, die an Orten leben, die Israel offiziell zu seinem Staatsgebiet zählt. Dazu gehört beispielsweise Ostjerusalem – aber nicht das Westjordanland, obwohl Teile der Region seit dem Sechs-Tage-Krieg 1967 von Israel besetzt sind. Dass die israelischen Siedler dort geimpft werden, die Palästinenser in den umliegenden Gemeinden aber nicht, stößt international auf Kritik.

Die israelische Medizinrechtlerin Shelly Kamin-Friedman hat nun im Auftrag zweier Menschenrechtsorganisationen einen Bericht verfasst, in dem sie sich für das »Recht auf Impfung« für Palästinenser ausspricht.

SPIEGEL: Frau Kamin-Friedman, Israel hat angekündigt, erstmals 5000 Dosen Covid-Impfstoff an die Palästinensische Autonomiebehörde zu liefern. Ist das genug?

Kamin-Friedman: Natürlich nicht. Im Westjordanland leben rund drei Millionen Palästinenser, im Gazastreifen noch einmal zwei Millionen. Die 5000 Dosen reichen nicht einmal, um das medizinische Personal zu impfen, ganz zu schweigen vom Rest der Bevölkerung.

SPIEGEL: Israel sagt, es könne nur mit Impfstoff helfen, wenn die palästinensische Führung das offiziell beantragt. Das sei nicht geschehen. Anfangs ließen die Palästinenser sogar verlauten, sie wollten auf keinen Fall Vakzine von Israel.

Kamin-Friedman: Ich bin Expertin für öffentliche Gesundheit. Und als solche bin ich der Überzeugung: Wir haben eine moralische und humanitäre Verpflichtung, die Palästinensern mit Impfstoff zu unterstützen. Israel sollte es zumindest anbieten – dann könnten die Palästinenser immer noch entscheiden, ob sie unsere Hilfe wollen.

Ob Israel rechtlich für die Impfung der Palästinenser zuständig ist, ist umstritten….