Als das Coronavirus vor einem Jahr seinen Todeszug um den Erdball antrat, wussten viele Europäer sofort, wer der Schuldige ist. Der weltweite Handel und die Globalisierung, so lautete die verbreitete Erklärung, würden den Ausbruch von Pandemien befördern und ihre Folgen verschärfen. Mit Touristenjets und Containerschiffen reisen schließlich auch Viren um die Welt. Und wenn ein Land seine Beschäftigten in Quarantäne schickt, müssen auch Fabriken in anderen Teilen der Erde schließen.

Europa, so folgerten die Regierenden in Paris, Berlin und Brüssel, muss sich deshalb aus der Abhängigkeit asiatischer Lieferanten befreien und wieder mehr Waren daheim produzieren. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron forderte unter dem Leitbegriff der »europäischen Souveränität«, abgewanderte Produktionsstätten zurück nach Europa zu holen.

Die Bundesregierung stoppte den Export von Gesichtsmasken und Schutzausrüstungen und beteiligte sich am Impfstoffhersteller Curevac. Und die Brüsseler EU-Kommission propagierte eine neue staatliche Industriepolitik zugunsten heimischer Großkonzerne, sogenannter Champions. Der pandemiegeborene EU-Protektionismus war zwar besser getarnt als die America-First-Strategie des damaligen US-Präsidenten Donald Trump, aber kaum weniger aggressiv.