Es ist acht Uhr abends geworden im Moskauer Stadtgericht, als die Richterin Natalja Repnikowa den vollen Saal 635 betritt. Auf der linken Saalseite, in einem Glaskasten, wartet Russland derzeit prominentester Gefangener, Alexej Nawalny. Er trägt einen blauen Kapuzenpulli, die Handschellen hat man ihm abgenommen. Nun lächelt er aufmunternd seiner Frau Julia zu, die im Publikum steht. Er formt seine Finger zu einem Herzen, malt ein Herz an die Glasscheibe.

Aber es ist eine erwartbar schlechte Nachricht, die Alexej und Julia gleich hören werden. Der Oppositionspolitiker, der nach einer Vergiftung in Deutschland behandelt wurde und im Januar nach Moskau zurückkam, muss fast drei Jahre in Haft. Richterin Repnikowa hat dem Antrag der russischen Gefängnisbehörde Fsin und der Staatsanwaltschaft stattgegeben, eine 2014 gegen Nawalny verhängte Bewährungsstrafe in eine reale Haftstrafe zu verwandeln, weil er Auflagen systematisch verletzt habe.

Es wirkt wie ein schlechter Witz: Ein Politiker, der mutmaßlich vom russischen Geheimdienst vergiftet wurde, muss gleich nach seiner Vergiftung und Rückkehr ausgerechnet wegen eines Urteils in Haft, das der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte schon vor Jahren als »willkürlich« verworfen hat. Es handelt sich um die Strafsache »Yves Rocher« – so genannt, weil eine Alexej Nawalny und seinem Bruder Oleg gehörende Kurierfirma den Kosmetik-Produzenten im Versandhandel betrogen haben soll. In Straßburg konnte man allerdings kein Vergehen erkennen.

Nawalnys flammende Rede

Aber eines immerhin hat die russische Justiz dem Kreml-Gegner an diesem Tag zugestanden: Eine Bühne. Er hat sie genutzt für eine flammende Rede gegen Präsident Wladimir Putin, voll Pathos und beißenden Spott zugleich. Es ist vielleicht der letzte Auftritt für längere Zeit. Im großen Saal, unter Porträts von Cicero und Montesquieu, nennt Nawalny seine Verfolgung eine Rache Putins. »Der Hass und die Angst eines einzelnen Menschen« seien die Gründe, warum…