SPIEGEL: Frau Midyatli, Sie haben zwei Schulkinder. Können Sie sich als Hilfslehrerin durchsetzen?

Serpil Midyatli: Meine Söhne sind elf und 17 Jahre alt, sie schaffen viel alleine. Aber ihre Toleranzgrenze nimmt von Tag zu Tag ab, weil ja auch alle Freizeitaktivitäten fehlen, und das schon seit Monaten. Aber grundsätzlich sind wir in einer komfortableren Situation als viele andere. Wir haben vor anderthalb Jahren die Entscheidung getroffen, dass mein Mann zu Hause ist. Es hat für uns damals schon nicht funktioniert, Kinder, Beruf, Partei und Ehrenamt unter einen Hut zu bekommen.

Zur Person

Icon: vergrößern

Foto: Carsten Rehder/ dpa

Serpil Midyatli wurde 1975 in Kiel geboren. Die Tochter türkischer Einwanderer zog 2009 als erste muslimische Abgeordnete in den schleswig-holsteinischen Landtag ein. Seit März 2019 ist sie Landesvorsitzende der SPD, seit Dezember 2019 auch stellvertretende Bundesvorsitzende ihrer Partei.

SPIEGEL: Was raten Sie Familien, in denen beide Eltern arbeiten?

Midyatli: Eltern sollten sich das Angebot der Kinderkrankentage genau ansehen. Es gibt dazu ein Musterformular auf der Seite des Bundesfamilienministeriums. Ganz wichtig ist auch die Notbetreuung in Kitas und Schulen. Eltern dürfen sich kein schlechtes Gewissen machen lassen. Familien haben in dieser Pandemie wahnsinnig viel geleistet und wurden dabei oft nachrangig behandelt. Durchhalteparolen helfen Familien nicht.

SPIEGEL: Nach dem ersten Lockdown im Frühjahr 2020 machten Restaurants, Fitnessstudios und Museen auf, aber die Kinder mussten noch lange zu Hause bleiben. Befürchten Sie für dieses Jahr dasselbe?

Midyatli: Als im letzten Jahr die Bundesliga wieder losging, habe ich gesagt: Jetzt macht endlich auch die Spielplätze wieder auf! Ich gehe aber davon aus, dass die Versprechen eingehalten werden: Wenn es zu Öffnungen ab dem 15. Februar kommt, sind Kitas und Schulen zuerst dran. Ich unterstütze ausdrücklich Manuela Schwesig, die bei den…