Wenn bei der Inauguration Joe Bidens an diesem Mittwoch die Stimme von Lady Gaga erklingt, exakt 14 Tage nach der Erstürmung des Kapitols durch Anhänger Donald Trumps, dann will Biden genau dieses Zeichen setzen: Unter seiner Führung soll das Land, seit Jahren gespalten wie selten, wieder zusammenfinden. „Die klassische Bedeutung der Inaugurationsfeier“, sagt Jürgen Martschukat, Experte für US-Geschichte an der Uni Erfurt, „ist die Übertragung der Macht in einer friedlichen Zeremonie.“ Doch was dieses Mal anders ist, zeigt ein Blick in die Geschichtsbücher.

In den Fels gemeißelt: Die Köpfe der US-Präsidenten George Washington, Thomas Jefferson, Theodore Roosevelt und Abraham Lincoln an der Ostwand des Mount Rushmore

Sichtbarstes Zeichen eines friedlichen Machtübergangs war und ist, seit George Washington am 30. April 1789 als erster US-Präsident überhaupt seinen Amtseid auf die Verfassung leistete, die Anwesenheit des scheidenden Vorgängers. Trump aber hat wiederholt angekündigt, er werde der Zeremonie fernbleiben. Auch lässt das Ritual am Mittwoch wenig Öffentlichkeit im klassischen Sinne zu, denn wegen der Corona-Pandemie und aus Sorge vor Gewalt, findet die Inauguration überwiegend virtuell statt.

Auch Jeffersons Einführung ohne Vorgänger

Trumps Ankündigung weckt Erinnerungen in der amerikanischen Gesellschaft: Thomas Jefferson etwa schritt am 4. März 1801, begleitet von Kongressabgeordneten und Offizieren einer Bürgermiliz, gegen Mittag in das Washingtoner Parlamentsgebäude – das Kapitol war noch im Bau – und legte um Punkt zwölf Uhr seinen Amtseid ab. Die Kapelle der Marines spielte auf. Beides ist bis heute üblich. Es war die erste Inauguration in der neugegründeten Hauptstadt und zugleich die erste, an der der Vorgänger – John Adams – nicht teilnahm.

Gleich mehrfach sollte sich das wiederholen, selbstredend dann, wenn der plötzliche Tod eines Präsidenten zu beklagen war. So geschehen am 22. November 1963 um 14:38 Uhr Ortszeit, als…