SPIEGEL: Herr Rücker, haben Sie Verständnis für die jüngsten Bauernproteste und Blockaden der Aldi-Lager?

Rücker: Ja, ich verstehe die Proteste voll und ganz. Wären die Sorgen der Bauern nicht so existenziell und der Preisdruck auf sie nicht so immens, würden es die Landwirte doch gar nicht schaffen, so kurzfristig, innerhalb von Stunden, teils über 100 Schlepper für ihre Protestaktionen auffahren zu lassen. 

SPIEGEL: Aldi spricht von Nötigung. Die Bauern empfinden aber wohl eher die Preise als Nötigung?

Rücker: Ganz so weit würde ich nicht gehen. Aber der notorische Hang des Einzelhandels, immer niedrigere Preise bieten zu müssen, nach denen ja kein Verbraucher verlangt hat, ist schon absurd und bringt nicht nur die Bauern in die Bredouille sondern untergräbt jede Wertschätzung für Lebensmittel. Diese Ramschpreise kommen einer Nötigung schon ziemlich nahe.  

SPIEGEL: Aber nicht die Bauern, sondern die Molkereien verhandeln ja mit dem Handel. Blockieren die Bauern nicht am falschen Ort?

Rücker: Blockaden sollten immer das letzte Mittel sein, aber die Bauern stehen da schon nicht ganz falsch. Ihre Kritik richtet sich ja gegen die Dauerniedrigpreise im Handel. Zudem bekommen sie dort die Aufmerksamkeit in den Medien, die sie brauchen. Sie haben es satt, dass der Handel mit Regionalität wirbt, aber nicht bereit ist, diese zu honorieren. Auf der anderen Seite vermarktet der Handel heute nur noch ein Drittel der hierzulande produzierten Milch. Der Rest geht oft ins Ausland, etwa als Milchpulver oder Käse. Der Handel ist also nicht allein Schuld.