Matteo Renzi ist ein Freund großer, rätselhafter Gesten. Auf seiner Internetseite zeigt er als Aufmacherfoto nicht sich selbst – sondern eine berühmte Marmorskulptur von Gian Lorenzo Bernini: Roms Stammvater Aeneas führt seine Familie aus dem brennenden Troja, auf starken Schultern trägt er seinen alten Vater. Sieht sich Renzi etwa als Aeneas, als Retter? Steht das trojanische Feuer für die heutige Corona- und Wirtschaftskrise? Und wen bringt er auf seinen Schultern in Sicherheit? Seine Partei? Das ganze Land?

Neben der Skulptur steht in großen Lettern ein Zitat von Machiavelli. »Jeder sieht, was du scheinst. Nur wenige fühlen, wie du bist.«

In diesen Stunden rätselt ganz Italien darüber, was Renzi wirklich will. Gestern Nacht eskalierte er eine Koalitionskrise, die in Rom schon seit Wochen schwelt. Bei einer Kabinettsabstimmung über den EU-Wiederaufbaufonds enthielten sich Renzis Minister. Bis heute Abend will der 46-Jährige entscheiden, ob er mit seiner Minipartei die Regierung seines Rivalen Giuseppe Conte stürzt.

Zurzeit scheint alles möglich: Ministerpräsident Conte sucht sich eine andere Mehrheit im Parlament. Es gibt Neuwahlen mitten in der Pandemie. Oder es kommt in letzter Minute noch zu einer Versöhnung der zerstrittenen Partner.

Warum setzt Renzi eine historische Chance aufs Spiel?

Selbst die an häufige Machtwechsel gewöhnten Italiener – aktuell amtiert die 66. Regierung seit 1946 – tun sich schwer, die aktuelle Koalitionskrise zu verstehen – während eine dritte Corona-Welle das Land erfasst, die Todeszahlen auf knapp 80.000 steigen und die Wirtschaft zusammenbricht.

Eigentlich hätte Contes Mitte-links-Regierung gute Chancen, von der Krise zu profitieren. Mit gut 200 Milliarden Euro bekommt Italien den größten Anteil aus dem EU-Wiederaufbaufonds und damit eine historische Gelegenheit, das Land zu reformieren.

Wieso setzt Renzi das aufs Spiel? Warum riskiert der Machiavelli-Fan einen Koalitionsbruch, der ihn in die Opposition führen und…