Rupert Stadler ist früh dran an diesem besonderen Tag. Schon um 7.45 Uhr bahnt sich der ehemalige Audi-Chef den Weg durch die bei Minusgraden wartenden Journalisten ins Gerichtsgebäude am Hochsicherheitsgefängnis München Stadelheim. Seit September läuft hier das erste Strafverfahren zum Dieselskandal, Stadler ist der erste Topmanager auf der Anklagebank.

Er trägt einen schwarzen Rollkragenpullover unter dem blauen Anzug – und plaudert vor Eröffnung der Verhandlung aufgeräumt mit seinen Verteidigern. Es fröstelt ihn offenbar ein bisschen in dem Corona-bedingt gut belüfteten Gerichtssaal. Die Digitalkameras klackern.

Dann ergreift der einst mächtige und noch immer sprachgewandte Manager erstmals seit seiner Verhaftung am 18. Juni 2018 öffentlich das Wort. »Mein Name ist Rupert Stadler. Ich bin geboren am 17. März 1963 in Titting in Bayern. Ich bin seit über 30 Jahren verheiratet und habe drei Kinder.« Langsam, sehr deutlich und mit rollendem »R« führt Stadler in den folgenden Stunden durch seinen Werdegang bei Audi, wo er seit 1990 vom Vertriebsmitarbeiter zum Vorstandsassistenten von VW-Patriarch Ferdinand Piëch und schließlich 2007 zum Audi-Chef aufstieg.

Doch das ist nur das Präludium. Stadlers Thema ist heute das enorm komplexe Innenleben eines Autokonzerns wie VW und die bis auf die Minute durchgetaktete Arbeitswelt eines Vorstandschefs. All das soll wohl dazu dienen zu erklären, warum Stadler angeblich bis zum Herbst 2015 nicht von den Dieselmanipulationen wusste, und warum er später, nachdem der Skandal auf Druck der US-Behörden bei VW aufgeflogen war, nicht anders oder besser habe aufklären können, als er es getan habe.

Die Aufarbeitung des Skandals sei stark von der Konzernmutter und der von ihr beauftragten US-Kanzlei Jones Day gesteuert worden. Audi selbst sei von Jones Day nur unbefriedigend mit Informationen versorgt worden. Gleichwohl habe er, Stadler, mit der Einrichtung der Diesel-Kommission bei Audi alles getan, um die technischen…