SPIEGEL: War der Sturm auf das Kapitol ein Putschversuch in der einflussreichsten Demokratie der Welt?

Krastev: Es ist unklar, was Donald Trump wirklich im Sinn hatte, was er geplant und intendiert hat. Trump ist Gefangener seiner eigenen Paranoia. Er ist kein Zyniker, der weiß, er hat die Wahl verloren, und der trotzdem irgendwie an der Macht bleiben will. Er ist umgeben von Jasagern, er lebt in seiner eigenen Wirklichkeit. Ich bin sicher: Er ist total überzeugt davon, dass er die Wahl gewonnen hat und sie ihm gestohlen wurde. Deshalb hat er seine Anhänger aufgehetzt. Aber als der Sturm in Gang kam, wusste er gar nicht, was er als Nächstes tun sollte. Trumps Handeln am 6. Januar 2021 erinnert mich in gewisser Weise an den gescheiterten Putsch der alten Kräfte gegen Michail Gorbatschow 1991.

SPIEGEL: Ein amtierender US-Präsident hat der amerikanischen Demokratie den Krieg erklärt.

Krastev: Natürlich, es wurde etwas sehr Wichtiges klar, und dies wird Einfluss auf die Positionen rechtspopulistischer Herrscher in Europa und anderswo haben. Trump hatte immer beteuert: Ich bin zwar nicht liberal – aber ich bin nicht gegen die Demokratie. Er hat sich als denjenigen stilisiert, der den Willen der Mehrheit repräsentiert. Nun hat der Sturm auf das Parlament gezeigt: Er hat die Mehrheit nicht hinter sich, sondern agiert wie ein lateinamerikanischer Diktator. Trump hat die Kritiker des Rechtspopulismus bestätigt, die immer gesagt haben: Er ist mehr als illiberal, er ist ein Feind der Demokratie. Das ist eine schwere politische Bürde, die auf allen seinen Unterstützern lastet, auch auf denen außerhalb der USA. Sie müssen jetzt sehr vorsichtig sein. Die Wähler und die Medien werden künftig genau hinsehen, ob Politiker, die sich antiliberal geben, auf dem Boden der Demokratie bleiben.