SPIEGEL: Sir Ivan, der Brexit ist vollzogen und noch gab’s keine Katastrophen zu vermelden. Ist jetzt endlich Ruhe?

Rogers: Das zu glauben wäre naiv. Geschichte hat die lästige Angewohnheit, einfach weiterzugehen. Sie hat 1973 nicht angehalten, als wir der Europäischen Gemeinschaft beitraten, und 1992 mit dem Maastricht-Vertrag auch nicht. Früher oder später wird sich die britische Politik daran erinnern, dass viele unserer besten Freunde in der EU sind. Wird das in den nächsten 20 Jahren passieren? Wohl eher nicht. Andererseits: Wer hätte vor 30 Jahren vorausgesagt, dass uns eine konservative Regierung einmal aus der EU führen wird?

SPIEGEL: Werden sich die Briten erst einmal ganz aus Brüssel zurückziehen?

Rogers: Im Gegenteil. London wird ab sofort sehr viel Aufwand betreiben müssen, um zu beeinflussen, was in Brüssel und Straßburg durch den Fleischwolf gedreht wird. Das wird nicht einfach, denn nach den vergangenen Jahren gibt es in der EU wirklich kaum noch jemanden, der große Rücksicht auf die Briten nehmen will. Aber damit der Brexit zum Erfolg wird, braucht London überall in der EU Augen und Ohren. Selbst wenn du deinen Ex-Partner nur noch als Konkurrenten betrachtest, musst du doch genau wissen, was er tut.