SPIEGEL: Herr Canfin, die EU gehört zu den größten Wirtschaftsmächten der Erde – doch die USA und selbst Großbritannien und Israel sind mit den Corona-Impfungen wesentlich schneller gestartet. Was ist schiefgelaufen bei der EU-Impfstrategie?

Canfin: Die Strategie der Zusammenarbeit zwischen den Mitgliedsländern war der beste Weg, EU-Bürger zu schützen. Die EU hat sich jetzt rund 2,3 Milliarden Impfstoffdosen gesichert, weit mehr als notwendig. Wenn die 27 EU-Staaten das auf eigene Faust versucht hätten, wären sie wahrscheinlich deutlich weniger erfolgreich gewesen, das gilt selbst für das wirtschaftlich starke Deutschland. Außerdem hat die EU, was etwa die Preise betrifft, bessere Deals geschlossen als die USA oder Großbritannien.

SPIEGEL: Aber dafür hat sie auch länger verhandelt und war später dran, was womöglich viele Menschenleben gekostet hat und noch kosten wird.

Canfin: Die Mitgliedsländer haben von der Kommission verlangt, zuverlässige Verträge auszuhandeln, um Risiken für die Menschen zu vermeiden. Dann kann man nicht gleichzeitig erwarten, dass sie auch noch vor allen anderen fertig wird. Sicher, Großbritannien hat früher mit den Impfungen angefangen – muss aber auch für Impfschäden haften, die hoffentlich nicht eintreten werden, es aber durchaus könnten. Das war der Hauptgrund, warum die Verhandlungen der EU länger gedauert haben. Hier liegt die Haftung nun vor allem bei den Herstellern, wogegen sich insbesondere Biontechs amerikanischer Partner Pfizer lange gewehrt hat.

SPIEGEL: Woher wollen Sie wissen, wie gut die Deals der EU in dieser Hinsicht sind? Die Kommission hält die Verträge doch geheim. Sie hat lediglich vage durchblicken lassen, dass es bei der Haftung einen Kompromiss mit den Herstellern gegeben hat. Wie er aussieht, ist unbekannt.

Canfin: Richtig, wir brauchen an dieser Stelle unbedingt Transparenz. Ob Hersteller oder Steuerzahler für Schäden haften, darf nicht im Dunkeln bleiben. Das Gleiche gilt für die Frage, wie…