Es kann niemanden überraschen, dass Donald Trump in den letzten Tagen seiner Amtszeit einen Putsch versucht hat. Ja, es war schockierend, das höchste Haus der US-amerikanischen Demokratie von einem Pöbel geschändet zu sehen. Aber dieser Sturm auf das Kapitol, diese Farce, war der logische Schlusspunkt von Trumps Präsidentschaft. Von Anfang an nährte sie sich von der Wut auf das System, das Amerika ausmacht. Sie zeichnete sich aus durch Verachtung demokratischer Regeln und durch den unbändigen Narzissmus des Präsidenten, der ihn alle Grenzen überschreiten lässt.

Es brauchte keine hellseherischen Gaben, um zu erkennen, dass in Trump ein Möchtegern-Diktator steckt. Er hat auch seine Kumpanei mit Kim Jong Un und Wladimir Putin nie verborgen. Überraschend war vielmehr, dass so viele Beobachter, auch in Deutschland, diese offen zutage liegenden Wahrheiten bis zum Ende nicht sehen wollten und das Mantra wiederholten, dass es ganz so schlimm bestimmt nicht sei.

Was von Trumps Präsidentschaft bleibt, sind die Lügen, die Bilder von Blut und von Schüssen im Kapitol, von Männern mit »Civil War«-Shirts und von Verschwörungsgläubigen am Rednerpult des Senats. Sie gehen als Schandmal in das Bildergedächtnis der US-Geschichte ein und dienen dem Rest der Welt als Mahnung, wie zerbrechlich eine Demokratie sein kann, selbst eine so alte wie die amerikanische, wenn viele Bürger nicht mehr an sie glauben. Der Aufstand von Washington ist zugleich ein schwerer Schlag für Amerikas Anspruch, die globale Führungsmacht zu sein – in Peking und Moskau sieht man die Ereignisse mit Genugtuung und Schadenfreude.