Joe Biden musste sein Amt schon antreten. Nicht mal zwei Wochen, bevor er als nächster US-Präsident vereidigt wird, findet er sich vor den Kameras, um zu leisten, wozu Donald Trump – der ja noch amtiert – weder bereit noch fähig ist.

Unfreiwillig, aber nicht unvorbereitet: Über Nacht wird Biden zu dem Präsidenten, den Amerika braucht in dieser düsteren Woche. Mit klaren Worten, harten Wahrheiten und dem richtigen Tonfall vermittelt er die gemischten Gefühle von Millionen Amerikanern: Angst, Entsetzen, Schock, Wut.

»Ich wünschte, wir könnten sagen, dass wir es nicht kommen sehen konnten«, sagt er am Donnerstag, bei seinem bereits zweiten Auftritt binnen 24 Stunden seit dem Sturm eines Trump-Mobs aufs US-Kapitol. »Aber das stimmt nicht. Wir konnten es kommen sehen.« Seine bebende Stimme, sonst monoton, verrät innere Aufregung.

Die Ereignisse vom Mittwoch haben Biden vorzeitig in die Rolle des Staatschefs gedrängt. Zugleich wirbeln sie seine penibel geplante, von der künftigen Senatsmehrheit der Demokraten beflügelte Politagenda durcheinander – und stellen ihn vor neue, komplexe Herausforderungen.