1. Trump zerstört zwar nicht die US-amerikanische Demokratie, aber seine eigene Partei

Während seine Hauptstadt brennt, genießt der Herrscher eine Panoramaaussicht auf das Spektakel, zupft ein Saiteninstrument und singt ein schauerliches Lied. An diese Szene aus dem Filmklassiker »Quo Vadis«, in dem Peter Ustinov Anfang der Fünfzigerjahre den römischen Kaiser Nero spielt, fühlte ich mich gestern Abend erinnert. Da ließ Donald Trump ein Video aus dem Weißen Haus verbreiten, in dem er mit roten Backen den Randaliererinnen und Randalierern auf dem Kapitolhügel dankte. Er nannte sie »very special« und wiederholte seinen haltlosen Jammergesang über angeblichen Betrug bei jener Wahl, in der sich die US-Wählerinnen und Wähler im November klar für das Ende seiner Amtszeit entschieden haben.

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Das Kapitol in Washington

Foto: ANDREW CABALLERO-REYNOLDS / AFP

Offenbar gab es vier Tote während des stundenlangen Radaus von Anhängern Trumps in und um das Gebäude des Kongresses, drei der Menschen starben wohl eines natürlichen Todes, eine Frau durch den Schuss eines Polizisten. Mein Kollege Aleksandar Sarovic berichtet aus Washington über die Empörung und das Entsetzen nach der Attacke der durch Trump angestachelten Meute. Nach Aleksandars Einschätzung wurde die Welt gestern mit Bildern konfrontiert, die zwar beispiellos, aber keineswegs unangekündigt waren. Der noch amtierende US-Präsident habe seinen Anhängern mit Brachialrhetorik nach und nach alle Hemmungen genommen, nun könnte Trump in der letzten, dunkelsten Phase seiner Präsidentschaft auch noch seine eigene Republikanische Partei zerlegt haben.

Noch bleiben Trump vierzehn Tage im Amt. Ich habe Aleksandar gefragt, was danach passieren könnte. »Die Demokraten diskutieren schon länger darüber, wie sie mit Trump nach dessen Abgang umgehen sollen«, sagt er. »Ein Teil der Partei ruft nach Ermittlungen und, wenn möglich, einer Anklage gegen den Nochpräsidenten. Joe Biden ist…