DW:  Herr Prof. Martschukat: Was kam Ihnen in den Sinn, als Sie die Bilder aus Washington gesehen haben?

Jürgen Martschukat: Natürlich Irritationen und der Schock. Zugleich ist es das, womit man rechnen konnte, denn bewaffnete Trump-Anhänger patroullierten ja auch schon vorher auf den Straßen…

Der Historiker Jürgen Martschukat von der Uni Erfurt

Hat es so einen Sturm auf das Parlament in der amerikanischen Geschichte schon einmal gegeben?

Ich wüsste nicht. Natürlich gab es auch in Washington D.C. immer wieder mal Proteste oder gewalttätige Ausschreitungen. Aber nicht in dieser Form. Besonders schockierend und auch längerfristig problematisch ist diese vollkommene Missachtung von demokratischen Institutionen auf allen Ebenen. Das macht es auch so bedrohlich. Man spürt: Wir sind möglicherweise an einem Wendepunkt in der Geschichte der Demokratie.

Warum?

Wir beobachten in den letzten Jahren, während der Trump-Präsidentschaft, ja schon länger eine Missachtung von Instanzen und fehlenden Respekt vor demokratischen Verfahren. Das hat sich immer weiter zugespitzt und hat jetzt, in der Auseinandersetzung über die Gültigkeit der Wahl und ihrer Ergebnisse, einen Höhepunkt erreicht.

Sie sind Experte für US-Geschichte. Hat es da jemals einen Präsidenten gegeben, der so demokratieverachtend aufgetreten wäre wie Trump?

Nein, das ist neu. Das ist eine neue Qualität, das muss man so sagen.

Man sollte meinen, da entzieht jemand sich selbst das Fundament seiner Macht, die Demokratie?

Trump-Fans stürmen das US-Kapitol

Ja, das ist ja ein hochgradig erratisches Verhalten; schon am Wahlabend, als Trump forderte, die Auszählung zu stoppen. Mit solchen Äußerungen hat er seine treue Anhängerschaft im Auge, die es ja auch immer noch gibt – er hat immerhin über 74 Millionen Wählerstimmen bekommen. Dieses Fundament seiner Macht will er weiter mobilisieren und sichern.

Welche kulturhistorische Dimension haben die Ereignisse von Washington?

Schwer zu beurteilen….