„Eine gewisse Entfremdung ist schon zu spüren“, gibt Andreas Paffrath zu und sieht dabei nicht glücklich aus. Der Fanbeauftragte von Bayer 04 Leverkusen und seine Kollegen halten normalerweise engen Kontakt zu den Fans. Sie sind bei den Heim- und Auswärtsspielen der Werkself dabei und treffen auch unter der Woche im Fanhaus, dem Treffpunkt der aktiven Leverkusener Fanszene, viele Anhänger. Doch seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie und den damit verbundenen Beschränkungen hat sich das komplett geändert. Seit Monaten sind die Fans von den Spielen ausgeschlossen. „Die Kontakte zu den Fans werden immer weniger“, sagt Paffrath im Gespräch mit der DW. „Und wenn man Leute trifft und sich mit ihnen unterhält, sagen fast alle, dass der Fußball, der einen sehr hohen Stellenwert hatte, doch nicht mehr das Wichtigste ist.“

Stattdessen rückten andere Dinge in den Vordergrund. „Viele haben geheiratet, bekommen Kinder. Es werden andere Wertigkeiten wachgerüttelt, was teilweise auch schön ist“, sagt der Fanbeauftragte und muss lächeln. „Man merkt einfach, dass die Leute eine andere Denkweise übernehmen.“

Fanforscher Harald Lange: „Grenze erreicht“

Was Andreas Paffrath in Leverkusen feststellt, ist laut Fanforscher Harald Lange ein bundesweiter Trend. „Das ist das, was Fanbeauftragte aus der ersten, zweiten und dritten Liga und auch die Fans selbst immer wieder sagen“, bestätigt der Wissenschaftler der DW. „Der Fußball ist in der persönlichen Wertehierarchie abgerutscht.“

Professor Harald Lange

Die wachsende Entfremdung habe aber auch mit Fehlentwicklungen im Profifußball zu tun: mit der Kommerzialisierung, die zuletzt wieder in der Debatte um eine gerechtere Verteilung der TV-Gelder Thema war, und gegen die es seit langer Zeit Proteste aus der aktiven Fanszene gibt; mit der Inflation von Top-Ereignissen und Wettbewerben; mit der gleichzeitig aufkommenden Langeweile, weil meistens dieselben Mannschaften gewinnen. „Der Fußball ist an seine Grenzen gekommen“, sagt Lange.