Es war zwölf Minuten nach zehn, als Julian Assange, 49, im Londoner Kriminalgericht Old Bailey aus einem unterirdischen Gang in den Glaskasten gegenüber den Richterbänken geführt wurde. Wie ein gemeingefährlicher Mörder hatte der australische Journalist hinter Panzerglas die Verhandlung verfolgen müssen, in der es um den Antrag der US-Regierung ging, ihn wegen Spionage auszuliefern. Das Gesicht des Gründers der Enthüllungsplattform WikiLeaks war so weiß wie seine Haare, er trug einen blauen Anzug, mit blauer Krawatte und eine Corona-Maske.

Was die Bezirksrichterin Vanessa Baraitser vortrug, verstärkte dann zunächst auch alle Befürchtungen, mit denen Assange und seine Verteidiger der Urteilsverkündung entgegengesehen hatten. Die Richterin bestätigte sämtliche Vorwürfe der Anklagen, die eine Grand Jury in Alexandria im US-Bundesstaat Virginia gegen den australischen Journalisten erhoben hat: Assange habe den WikiLeaks-Informanten Bradley Manning dazu angestiftet, Staatsgeheimnisse zu verraten. Er habe ihm dafür auch technische Ratschläge gegeben. Außerdem habe sie »volles Vertrauen«, dass den Australier in den Vereinigten Staaten ein faires Verfahren erwarten würde, sagte die britische Richterin.

Doch dann kam sie auf die Gesundheit Assanges zu sprechen, erwähnte, dass er 1991 einen Suizidversuch unternommen habe, dass es in seiner Familie mehrere Suizide gegeben habe. Sie zweifle nicht an den Aussagen von Psychiatern, dass der Australier an zumindest mildem Autismus leide, am Asperger-Syndrom und Depressionen.

In einem US-Hochsicherheitsgefängnis, in dem menschliche Kontakte auf null reduziert werden, bestünde demnach die ernste Gefahr, dass sich Assange umbringen könnte.

Humanitäre Gründe sprachen gegen Auslieferungsantrag

Es waren diese humanitären Gründe, die die gestrenge Richterin dazu brachten, das Auslieferungsgesuch der Regierung Donald Trumps abzulehnen. Gegen Ende ihrer mündlichen Begründung des 132 Seiten starken Urteils fragte sie die…