Es war einer der seltsamsten Auftritte für die FDP im Jahr 2020: Die scheidende Generalsekretärin Linda Teuteberg, vom Parteichef vorzeitig zur Aufgabe ihre Amtes gedrängt, verzichtete im Berliner Kongresshotel Estrel auf eine offizielle Abschiedsrede. Stattdessen meldete sie sich in der allgemeinen Aussprache zu Wort, um sich in einer Grundsatzfrage zu positionieren.

Vier Minuten und 39 Sekunden dauerte Teutebergs Rede, und vielen Delegierten sprach die Noch-Generalsekretärin mehr aus dem Herzen als ihr Nachfolger. Andere hingegen dachten anschließend: Gut, dass sie weg ist.

Sie habe, sagte Teuteberg, in den vergangenen Tagen irgendwo gelesen: Wer das Land modernisieren wolle, der müsse ein positives Verhältnis zu den Modernisierungstendenzen unserer Zeit haben. »Jemand bei Twitter« habe das geschrieben, sagte sie – als wäre der Urheber einer, der nicht zur liberalen Familie gehört.

Dabei saß der Autor unter den Delegierten. Es war ihr Bundestagskollege Konstantin Kuhle, linksliberaler Innenpolitiker und Generalsekretär der Niedersachsen-FDP. Kuhle hatte am Vorabend des Parteitags getwittert, er halte es für keine kluge Strategie, »sich als armen Aussätzigen gegen den bösen Zeitgeist zu gerieren«. Dann kam der Satz zur Modernisierung. »Ja, wenn es wirkliche Modernisierungstendenzen sind«, widersprach Teuteberg, ohne Kuhle beim Namen zu nennen. »Aber im Moment gibt es auch eine ganze Menge Tendenzen, die nicht gut sind für die Freiheit in unserem Zeitgeist, und denen müssen wir mutig entgegentreten.« Kulturkämpfe, sagte sie, könne nur bestehen, »wer sie überhaupt erst mal als solche erkennt und annimmt«.