Wann hat man schon die Gelegenheit, mit ein paar Buchstaben eine ganze Nation zu einen? Als Australiens Premierminister Scott Morrison seinen Landsleuten ein frohes neues Jahr wünscht, schickt er auf Twitter die Begründung hinterher, „weil wir einig und frei sind“.

Das markiert pünktlich zum Beginn des Jahres 2021 noch einen anderen Neuanfang. Denn down under wird ab sofort eine neue Nationalhymne gesungen – genauer: die alte Hymne wird sozusagen minimalinvasiv korrigiert. Mit der Änderung eines einzigen Wortes (aus „jung“ wird „einig“) würdigen die 25 Millionen Einwohner fortan die Geschichte der Aborigines.

„Nimmt nichts weg – fügt viel hinzu“: Premierminister Scott Morrison (Archivbild)

An der Zeile „Wir sind jung und frei“ hatte die indigene Bevölkerung Anstoß genommen, da ihre Tradition Zehntausende von Jahren umfasst. Lange vor der Ankunft weißer Siedler lebten die Aborigines auf dem fünften Kontinent.

„Als moderne Nation mag Australien relativ jung sein“, schreibt der Premier in einem Gastbeitrag für die Zeitung „The Age“. “ Doch die Geschichte des Landes reiche viel weiter zurück. Das wolle man mit der zweiten Zeile der Hymne ausdrücken. Die Textänderung nehme nichts weg, „aber ich glaube, sie fügt viel hinzu“, so Morrison.

Geschlechtsneutral frohlocken

Die seit rund einem Jahr diskutierte Überarbeitung ist keineswegs der erste Eingriff in den englischen Originaltext von „Advance Australia Fair“. Zwei Strophen des von Peter Dodds McCormick komponierten Liedes, das 1878 uraufgeführt wurde, hatten 1984 „God Save the Queen“ als offizielle Nationalhymne abgelöst – wenngleich die Königshymne weiterhin gesungen wird.

Doch gleich die erste Zeile wurde umgeschrieben. Statt „Australia’s sons let us rejoice“ heißt es nun: „Australians all let us rejoice“. Nicht bloß die „australischen Söhne“, alle Einwohner sollten geschlechtsneutral frohlocken.

Die Flagge der Aborigines als Kunstinstallation während der „Nationalen Woche der Aussöhnung“ 2016

Das…