SPIEGEL: Herr Professor van Schaik, Angela Merkel und einige wenige Kolleginnen an der Spitze mächtiger Regierungen schienen lange einsame Ausnahmen zu sein. Zieht in Gestalt der designierten US-Vizepräsidentin Kamala Harris nun die Patriarchatsdämmerung herauf?

Van Schaik: Immerhin hieß es nach der US-Wahl vor vier Jahren, dass Trump nur gewonnen habe, weil viele Menschen – vor allem Männer – es nicht über sich hatten bringen können, für eine Frau, Hillary Clinton, zu stimmen. Es wäre also ein interessantes Gedankenexperiment, sich vorzustellen, ob die umgekehrte Variante, Harris mit einem Vizepräsidenten Biden, auch erfolgreich gewesen wäre.

SPIEGEL: Was ist denn mit den großen Herrscherinnen des Altertums, der frühen Neuzeit, von der Pharaonin Hatschepsut bis zu Elisabeth I. – hatten die es leichter?

Van Schaik: Die haben nichts mit den heutigen Top-Frauen zu tun. Merkel oder Harris verdanken ihren Aufstieg eigener Leistung, die wenigen Herrscherinnen in der Geschichte haben es nur über einen mächtigen Vater oder Ehemann an die Spitze geschafft. Merkel und Co. – das ist ein völlig neues Phänomen.