Vielleicht ist das eindrücklichste Bild, das von diesem Wochenende bleibt, das Studio-Wohnzimmer, das die Grünen im Tempodrom aufgebaut haben. Ein orange-braunes Sofa, ein grüner Sessel, eine Stehlampe aus den Sechzigern. Die Pappwand ist mit Wischtechnik bemalt und in braun gehalten, an ihr hängen Bilder aus 40 Jahren grüner Geschichte und ein Plakat aus dem Jahr 1979: »Stillegung (sic!) aller Atomanlagen.«

Das Wohnzimmer ist, wie die Partei wirkt: Ein bisschen spießig, die Bürgerlichkeit zelebrierend, Erinnerungen an die rebellische Jugend haben sie an die Wand genagelt, daneben die Andenken an die Ankunft in der Bourgeoisie, das sind die Bilder der Wahlerfolge in Bayern 2018 und bei der Europawahl 2019, als die Grünen das erste Mal bei einer bundesweiten Wahl über 20 Prozent der Stimmen erreichten.

Zuhause angekommen

An diesem Wochenende hat sich die Bundesspitze, das Präsidium und die »technische Antragskommission« im Tempodrom versammelt, um den ersten dreitägigen digitalen Parteitag in Deutschland durchzuführen. Im Studio-Wohnzimmer sitzen meist zwei professionelle Moderatoren, manchmal mit den Parteichefs Robert Habeck und Annalena Baerbock, oft auch allein. Sie füllen die Lücken, die sich durch technische Pannen und bei Abstimmungen immer wieder ergeben.

Eigentlich wollen die Grünen ihr Grundsatzprogramm verabschieden, aber der Parteitag wird auch zu einer Art Wahlkampfauftakt für die Bundestagswahl 2021. Dann will die Partei, die in Umfragen gerade bei 20 Prozent der Stimmen liegt, stärkste Kraft im Land werden.

Lange war für die Grünen allein das Wort »Macht« ein Unwort, nun protzen sie beinah mit ihren Ambitionen. Während seiner Rede sagt Habeck: »Macht – das ist unserem Kosmos oft ein Igitt-Begriff gewesen. Aber Macht kommt ja von machen.« Die Werte einer Gesellschaft würden gemacht. »Wenn wir unseren Beitrag dazu leisten wollen, dass unsere Gesellschaft eine Gesellschaft ist, dann müssen wir durch Machtausübung Einvernehmen…