SPIEGEL: Im Norden Äthiopiens haben die schweren Kämpfe zu einer massiven humanitären Krise geführt. Sie haben noch immer Personal in der Unruheprovinz Tigray. Was berichten Ihre Mitarbeiter?

Encontre: Es gibt einen kompletten Kommunikationsblackout, deswegen ist es sehr schwierig, von ihnen irgendwelche Berichte zu bekommen. Manchmal erhalten wir kurze Anrufe, vielleicht eine Minute lang, von ihren Satellitentelefonen. »Wir gehen jetzt in den Bunker«, sagen sie. Oder: »Wir sind jetzt in Deckung, wir liegen unter Beschuss, es gibt Luftangriffe.« Wir haben keine Möglichkeiten herauszufinden, was tatsächlich um sie herum passiert. Sie können uns kurz anrufen, wenn sie den Generator einschalten und Strom haben, wir aber können sie nicht erreichen.

SPIEGEL: Sie können die Region auch nicht betreten. Warum nicht?

Encontre: Weil es eine Flugverbotszone gibt, weil alle Flughäfen geschlossen sind, weil es mehrere Checkpoints gibt, für die wir von der Regierung in Addis Abeba und von den verschiedenen Regionalregierungen Genehmigungen einholen müssen. Und es gibt anhaltende Kämpfe. Es ist vor Ort nicht sicher.

SPIEGEL: Wie würden sie die Situation in Tigray beschreiben?

Encontre: Katastrophal. Ich sage es noch einmal: wirklich, wirklich schlecht. Allein die Lebensmittelvorräte: Die Welthungerhilfe versorgt normalerweise etwa 600.000 Menschen, darunter 100.000 Flüchtlinge. Die Vorräte gehen aber alle dem Ende entgegen. Wir brauchen Zugang, um Hilfsgüter und Nahrungsmittelvorräte herbeizuschaffen, damit wir nicht bald völlig am Ende sind. Auch Wasser ist ein Problem. Normalerweise wird es mit Pumpen gefördert, die von Generatoren betrieben werden. Dafür braucht man Treibstoff. Unsere Leute hatten einen Vorrat für etwa zwei Wochen. Nun ist der Treibstoff fast vollkommen alle. Sie rationieren ihn und schalten den Generator jeweils für etwa eine halbe Stunde ein, pumpen Wasser und versuchen, das Notwendigste, wie Funkgeräte, zu laden.

SPIEGEL: Schon vor dem…