Dieses Wochenende lädt Saudi-Arabien die wichtigsten Regierungschefs zum G20-Gipfel nach Riad ein, wenigstens virtuell. Für Kronprinz Mohammed bin Salman, 35, schien das Ereignis eine historische Gelegenheit zu bieten, der Welt sein neues, weltoffenes Königreich zu präsentieren – mit autofahrenden Frauen und ohne Religionspolizei, mit Musikfestivals, glamourösen Restaurants und Sport-Events. Doch die Pandemie hat dem jungen Herrscher einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Und nun machen auch noch Menschenrechtsgruppen Druck. Aktivisten sprechen dem künftigen Monarchen die Legitimität der Gastgeberschaft für den Gipfel ab, zuvorderst die Organisation DAWN.

Der saudi-arabische Journalist Jamal Khashoggi hatte die Plattform kurz vor seiner Ermordung durch Agenten der saudischen Herrscherdynastie im Oktober 2018 gegründet. Inzwischen organisieren sich dort saudi-arabische Regimekritiker, die ganz unterschiedlichen Denkrichtungen nahestehen. Als DAWN-Repräsentantin führt Hatice Cengiz das politische Erbe ihres Verlobten fort.  

SPIEGEL: Frau Cengiz, Sie drängen die Regierungschefs, nicht am diesjährigen G20-Gipfel teilzunehmen – warum?

Cengiz: Der saudi-arabische Kronprinz soll wissen, dass er nicht einfach straflos davonkommt. Wenn aber die Staatschefs schon teilnehmen an diesem Gipfel, sollen sie doch wenigstens nicht so tun, als hätte dieser barbarische Mord im türkischen Konsulat vor zwei Jahren nicht stattgefunden. Sie müssen diese Tat ansprechen!

SPIEGEL: Für die Saudis ist der Fall abgeschlossen. Es gab ein Gerichtsverfahren und ein Urteil. Der älteste Sohn des Opfers, Salah, hat den Tätern angeblich verziehen.

Cengiz: Das Verfahren war eine juristische Farce. Man weiß nicht einmal, wer überhaupt verurteilt wurde. Natürlich möchte ich die Situation von Jamals Familie in Riad nicht schwieriger machen, als sie ohnehin ist. Ich bin mir jedoch sicher, dass seine Söhne gezwungen wurden, den Verurteilten zu verzeihen.

SPIEGEL: Sie selbst haben im…