Äthiopien ist ein Land, das in den deutschen Medien eher selten vorkommt. Und wenn, dann nur mit großen Schlagzeilen: Krieg mit dem Nachbarland Eritrea, der Friedensnobelpreis für die Schlichtung durch den Ministerpräsidenten Abiy Ahmed Ali, oder der seit einigen Wochen auch unter Abiy Ahmed zu einem Bürgerkrieg eskalierende Konflikt in der Region Tigray.     

All das verweist zwar auf die gewaltsame Geschichte des Landes, auf unverarbeitete Traumata und ethnisch motivierte Konflikte. Sucht man statt einer bloßen Abfolge von Ereignissen aber historische Entwicklungslinien, dann braucht es Künstlerinnen wie Tamara Dawit und Filme wie „Finding Sally“. 

Spurensuche in der eigenen Familie

In der autobiografischen Dokumentation begibt sich die Regisseurin Dawit auf die Spuren ihrer Tante Selamawit – kurz Sally -, die in der Periode des diktatorischen Kommunismus in Äthiopien als wirklich überzeugte Kommunistin in den politisch aktiven Untergrund gegangen und dort gestorben ist.  

Der Film beginnt mit einer überaus berührenden Szene: Eine alte Frau steigt aus einem Auto und geht langsam auf eine andere alte Frau zu, die vor dem Eingang ihres Hauses wartet. Beide begrüßen sich innig, indem sie sich auf die Wangen küssen, vier-, fünfmal, sie halten sich an den Händen und sagen, dass es zu lange her ist. Dann kommen ihnen die Tränen. An der Schulter der jeweils anderen weinen beide kurz und gehen schließlich ins Haus. Die Vergangenheit sei die Vergangenheit, beruhigt die alte Frau ihre Gastgeberin. „Es ist vorbei.“ 

Zum ersten Mal wurde die Dokumentation „Finding Sally“ nun in Deutschland gezeigt, im Rahmen des Berliner Filmfestivals“Afrikamera“, das im diesen Jahr aufgrund der Corona-Pandemie digital stattfinden muss. Seine Premiere feierte der Film in der vergangenen Woche in Äthiopien.

Sprechen über die Vergangenheit – in Äthiopien ein Tabu

Die Grundkonstellation, der die Dokumentation folgt, ist eine ideale Versuchsanordnung. Zum…