Mit Enthusiasmus und voller Motivation, so schreibt Tina Kleingarn am 29. September 2017 an ihre Gremiumskollegen bei Wirecard, habe sie im Juni 2016 ihr Amt als Aufsichtsrätin angetreten. Doch ein Jahr später ist die Finanzexpertin desillusioniert. Sie habe im Laufe der Zeit festgestellt, dass zwischen ihren »Vorstellungen einer adäquaten Corporate Governance und der gelebten Aufsichtsratspraxis bei Wirecard eine große Diskrepanz besteht«. Es sei ihr nicht gelungen, diese Praxis zu ändern, sie habe sich »mehrmals als einsamer Rufer gefühlt«.

In einem vierseitigen Brief, der dem SPIEGEL vorliegt, erläuterte Kleingarn damals ihre Beweggründe für den Rücktritt aus dem Aufsichtsrat. Das Schreiben ist eine Abrechnung mit der Führungskultur bei Wirecard, geradezu prophetisch spricht die Kontrolleurin Missstände und Risiken an, die den Konzern drei Jahre später in den Abgrund führten. Ihre frühen Warnrufe dürften auch den Untersuchungsausschuss des Bundestages interessieren, vor dem die Diplomkauffrau an diesem Donnerstag als Zeugin ausgesagt hat.

Vor allem den damaligen Vorstandschef und Großaktionär Markus Braun kritisiert die Ex-Aufsichtsrätin scharf. Sie habe erfahren müssen, »dass der Vorstandsvorsitzende nicht bereit ist, die Unternehmensführung und die Art und Weise, wie der Vorstand mit dem Aufsichtsrat zusammenarbeitet, der höheren Komplexität und einem modernen Corporate Governance-Verständnis anzupassen. Stattdessen gleicht sein Handeln dem eines alleinigen Eigentümers, der er aber nicht ist.« Braun hielt zu dem Zeitpunkt etwa sieben Prozent der Wirecard-Anteile.

Beispielhaft dafür, wie Braun sich den Konzern gefügig machte, nennt Kleingarn die Verlängerung seines Vertrages im Jahr 2017. Es habe keinen geordneten Prozess gegeben, in dem der Aufsichtsrat beispielsweise mit dem Vorstandschef einen Aufgabenkatalog für die nächste Amtsperiode vereinbart. »Stattdessen wurde mit unhaltbaren Begründungen eine Vertragsverlängerung innerhalb von…