Als Philipp Hahn im Herbst 2015 auf die griechische Insel Lesbos kam, wurde er von der griechischen Regierung als Helfer in der Not empfangen. Tausende Geflüchtete erreichten damals jeden Tag Griechenland. Hahn, ein gelernter Schiffsbauer aus Frankfurt, arbeitete für die Nichtregierungsorganisation Sea Watch. Er half den Griechen, den Andrang zu bewältigen.

Nun, fünf Jahre später, gilt Hahn, der inzwischen als Kapitän für die private Hilfsorganisation Mare Liberum im Einsatz ist, in der griechischen Regierung als eine Art Staatsfeind. Die Behörden haben gegen ihn und 32 weitere NGO-Mitarbeiter ein Ermittlungsverfahren eröffnet – wegen des Verdachts auf Menschenschmuggel und Spionage. Ihnen droht eine mehrjährige Haftstrafe.

Die Fahnder gingen vor, als hätten sie es mit Schwerverbrechern zu tun

Laut Polizeiakten, die der SPIEGEL einsehen konnte, werfen die Ermittler den Helferinnen und Helfern vor, eine kriminelle Vereinigung gebildet zu haben, mit dem Ziel Migrantinnen und Migranten illegal von der Türkei nach Griechenland zu schmuggeln, Griechenland auszuspionieren und Staatsgeheimnisse zu stehlen. Betroffen sind fast alle NGOs, die in Griechenland Geflüchtete unterstützen, Mare Liberum, Sea Watch, FFM e.V., Josoor und Alarm Phone/Watch the Med. Mehr als die Hälfte der Beschuldigten sind deutsche Staatsbürger. 

Die Ermittlungen begannen spätestens im Juni. Die Fahnder gingen dabei vor, als hätten sie es mit Schwerverbrechern zu tun – und nicht mit Hilfsorganisationen. Sie hörten die Telefone von Flüchtlingshelfern ab, ließen sie observieren. Die griechischen Behörden rekrutierten sogar Migranten als Agenten, die in der Türkei Informationen sammeln und Verdächtige identifizieren sollten. 

Die Beschuldigten bestreiten, bei den Einsätzen in Griechenland Gesetze gebrochen zu haben. Sie halten das Verfahren für politisch motiviert. Tatsächlich haben die meisten der NGOs, die nun in Griechenland am Pranger stehen, nicht nur Migrantinnen und Migranten…