SPIEGEL: Herr Wimmen, gut drei Monate sind seit der verheerenden Explosion im Hafen von Beirut vergangen. Unmittelbar nach der Katastrophe versprach der damalige Ministerpräsident Hasan Diab, dass die Verantwortlichen dafür bezahlen würden. Ist damit zu rechnen?

Heiko Wimmen: Es würde allen Erfahrungen widersprechen, wenn am Ende tatsächlich die verantwortlichen Personen zur Rechenschaft gezogen würden. Viel wahrscheinlicher ist es, dass Personen aus dem Mittelbau angeklagt und verurteilt werden, aber niemand, der an der Spitze der politischen Hierarchie steht.

SPIEGEL: Warum dürften die politisch Verantwortlichen ungeschoren davonkommen?

Wimmen: Diab hat es selbst gesagt, als er zurückgetreten ist: Die Korruption ist größer als der Staat, und das Fatale ist ja, dass es im Libanon niemanden mit der nötigen politischen Statur gibt, der für einen tatsächlichen Neuanfang stehen könnte. Im Libanon treten Politiker nicht zurück, um sich von der Macht oder dem System zu distanzieren, sondern um unter günstigeren Vorzeichen wieder anzutreten. Saad Hariri, der gerade wieder zum Ministerpräsidenten ernannt wurde, ist dafür ein passendes Beispiel. Er ist vor gut einem Jahr zurückgetreten, weil er sich innerhalb seiner Regierung nicht durchsetzen konnte. Nun ist er wieder da, wieder als Ministerpräsident.