Zu den Kalenderweisheiten der Politik gehört, dass der Erfolg viele Väter (oder Mütter) hat. Wer gewinnt, muss sich nicht rechtfertigen – diese Regel aber scheint nun in den USA außer Kraft gesetzt worden zu sein. Denn während Donald Trump auch in der Niederlage die Republikaner hinter sich vereint, brach bei den Demokraten der Streit aus, kaum war Joe Biden zum Sieger der Präsidentschaftswahl ausgerufen worden. Die Parteilinke um die New Yorker Kongressabgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez warf moderaten Kollegen vor, einen dilettantischen Wahlkampf geführt zu haben – die Moderaten wiederum beklagten, der linke Parteiflügel habe mit radikalen Forderungen wie »defund the police« – also der faktischen Abschaffung der Polizei – dem Präsidenten Wähler in die Arme getrieben.

Hinter dem Konflikt stecken mehr als die üblichen Reibereien in der traditionell streitlustigen amerikanischen Linken. Denn das Ergebnis der Präsidentschaftswahl stellt die Demokraten vor sehr grundsätzliche Fragen. Sie haben das Weiße Haus zurückerobert, und das mit einem – zumindest auf den ersten Blick – respektablen Ergebnis. Joe Biden hat über 78 Millionen Stimmen geholt, so viele wie noch kein anderer Kandidat vor ihm. Das ist die gute Nachricht. Gleichzeitig aber ist die Mehrheit der Demokraten im Repräsentantenhaus geschrumpft. Und aus dem Traum, den Republikanern den Senat abzunehmen, wird wohl wieder nichts werden.

Aber was fast noch schlimmer ist: Am Wahltag ist für die Demokraten die Hoffnung geplatzt, dass ein neues, multiethnisches Amerika der Partei im Grunde ein Abonnement auf das Weiße Haus sichern wird. Selbst in den dunkelsten Stunden der Präsidentschaft Trump konnten sich die Demokraten mit der Vorstellung trösten, der Mann im Weißen Haus sei nur das letzte Zucken eines rückständigen Amerikas, bevor der demografische Wandel in Staaten wie Texas oder Florida den Demokraten die Macht ganz automatisch zutragen werde.

Das aber, so stellte sich nun heraus, war…