SPIEGEL: Herr Kuhle, der Bundestag hat die Novellierung des Infektionsschutzgesetzes verabschiedet, das dem Parlament mehr Beteiligungsrechte zusichern soll. Draußen demonstrierten Tausende gegen die Corona-Schutzmaßnahmen, und selbst in den Parlamentsgebäuden waren Kritiker der Corona-Regeln unterwegs, offenbar versehen mit Gästeausweisen mithilfe von AfD-Bundestagsabgeordneten. Wie lautet Ihr Fazit dieses ungewöhnlichen Tages?

Kuhle: Was heute geschah, ist eine neue Qualität in der Missachtung unserer demokratischen Institutionen. Für die AfD war heute ein Feiertag. Es gab aufgeregte Bürgerinnen und Bürger, eine Polizei im Dauereinsatz und Parlamentarier, die auf den Fluren des Bundestags unter Druck gesetzt werden sollten. Wenn es nach der AfD ginge, würde jeder Tag im Bundestag so ablaufen. Wir müssen als demokratische Parteien dieser Show eine deutliche Absage erteilen.

Konstantin Kuhle, 31 Jahre alt, ist innenpolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion. Der Jurist war Bundesvorsitzender der Jungen Liberalen und ist aktuell Generalsekretär der niedersächsischen Freien Demokraten. Er sitzt im Bundesvorstand seiner Partei.

SPIEGEL: Ein Video, das auf den Fluren des Bundestags aufgenommen wurde, zeigt, wie eine Frau aus dem Lager der Corona-Kritiker Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) mit einer Handykamera filmt und in ein Gespräch verwickelt, am Ende fallen in dem Video auch unflätige Ausdrücke, als Altmaier bereits im Fahrstuhl ist. Diese Frau hat auch versucht, Sie anzugehen. Was ist Ihnen passiert?

Kuhle: Wenn einem eine Handykamera ins Gesicht gehalten wird und man gefragt wird, wie man abstimmt, dann fühlt man sich bedrängt. Ich habe der Frau gesagt, dass ich keine Fragen beantworten werde, und bin ins Plenum gegangen. Das war ein unschöner Vorgang, der erneut zeigt, dass es der AfD – indem sie solchen Menschen offenbar den Zutritt zum Parlament ermöglichte – um die Verächtlichmachung der demokratischen Institutionen…