SPIEGEL: Herr Lindner, die Kanzlerin und die Ministerpräsidenten haben sich noch nicht auf weitere gemeinsame Schritte zur Bekämpfung der Pandemie geeinigt. Wie bewerten Sie das vorläufige Nicht-Ergebnis?

Lindner: Das Kanzleramt wollte die Ministerpräsidenten offenbar mit einer spontanen Entscheidungsvorlage überfahren. Die Bundesregierung sollte stattdessen zunächst abwarten und analysieren, welche Wirkung die bisherige Kontaktbeschränkung hat. Es muss geprüft werden, ob die Schließung von Gastronomie, Kultur und anderen Betrieben wirklich notwendig war.

SPIEGEL: Sie haben Zweifel.

Lindner: Den Menschen ist jedenfalls nicht zuzumuten, im Wochentakt neue Regeln präsentiert zu bekommen. Die Vorschläge, bei jedem Schnupfen in Quarantäne zu gehen und den Schulunterricht zu halbieren, wirken wie reiner Aktionismus. Bund und Länder dürfen nicht noch einmal flächendeckend Millionen Familien im Stich lassen und gerade den Schwächsten ihr Recht auf Bildung nehmen. Mit Luftfiltern im Klassenraum gibt es viel intelligentere Alternativen. Wir dürfen das Land nicht komplett lahmlegen.

Zur Person

Christian Lindner, Jahrgang 1979, ist seit Dezember 2013 FDP-Parteichef. Seit dem Wiedereinzug der Liberalen in den Bundestag 2017 führt er auch die Bundestagsfraktion.

SPIEGEL: Die Ministerpräsidenten haben die Kanzlerin auflaufen lassen, nun sind sie mit eigenen Vorschlägen gefragt. Glauben Sie, dass man schneller zu Ergebnissen kommt, wenn 16 Länder einen gemeinsamen Vorschlag präsentieren sollen?

Lindner: Es geht nicht darum, ob der Bund oder die Länder die Oberhand gewinnen, sondern darum, bestmöglich durch diese schwierige Phase zu kommen. Eine vertrauensvolle Zusammenarbeit sollte im Interesse aller liegen. Tatsächlich muss es aber weiterhin eine regional unterschiedliche Herangehensweise geben.

SPIEGEL: Das heißt?

Lindner: Wenn sich in Schleswig-Holstein die Infektionszahlen anders entwickeln als in Bayern, muss die Frage von Freiheitseinschränkungen auch…