Eine gute halbe Stunde stehen die beiden Wasserwerfer einfach nur da, zwischen Reichstagsgebäude und Brandenburger Tor, zwischen Parlament und Demonstranten. Wie eine mächtige Warnung: Wir können auch anders.

Gegen 12.30 Uhr am Mittag geht dann der erste Sprühregen auf die vorderen Reihen der protestierenden Menge nieder. Die Polizei hat eine Kette gebildet. Weitere Beamte klettern über die Absperrung. Die Polizei rückt langsam vor. Die Menge pfeift, buht, brüllt »Widerstand«. Nach fünf Minuten und drei Einsätzen der Wasserwerfer sind nur etwa zehn Meter geräumt. 

Wieder einmal hat die Polizei eine Demonstration gegen Corona-Schutzmaßnahmen der Regierung aufgelöst, weil sich wieder einmal kaum jemand an die Auflagen gehalten hatte. Aber etwas ist anders als in Leipzig vor rund zwei Wochen, anders als in Berlin im Oktober und August: Die Polizei setzt auch durch, was sie durchsagt.

Diesmal legt der Staat seine übermäßige Rücksicht ab. Diesmal fordert die Bewegung den Staat aber auch so offen heraus wie nie. Sie drängt sich ins Herz der parlamentarischen Republik.

»Merkel ist eine Hexe!«, ruft einer

Schon Stunden zuvor haben sich die Gegner der Corona-Maßnahmen um den Bundestag versammelt. Demos direkt vor dem Reichstagsgebäude und dem Bundesrat waren untersagt, aber die Menge will so nahe ran wie möglich. Ein Teil der Aktivisten kommt vor dem Brandenburger Tor zusammen, einige stehen auf der Straße des 17. Juni, andere haben sich an der Spree postiert, gegenüber dem Reichstagsgebäude.

Das historische Gebäude sehen sie nur aus der Ferne, aber auch das Marie-Elisabeth-Lüders-Haus, auf dessen Treppen Menschen sitzen und stehen, gehört zum Bundestag. »Merkel ist eine Hexe!«, ruft ein Mann vier Polizisten zu. Und dann: »Warum schützt ihr diese Verbrecher, diese Volksverräter?« Er meint die Abgeordneten.

Icon: vergrößern

Demonstranten am Spreeufer gegenüber dem Reichstagsgebäude

Foto: Felix Zahn/photothek.de / imago…