Durch die Eingangshalle des „Hauses der armenischen Söhne“, einer Sport- und Kultureinrichtung im Norden von Eriwan, toben kleine Kinder an Familien mit Reisetaschen und Plastiktüten vorbei. Um das rechte Bein eines jungen Mannes ist ein Handtuch gewickelt, er humpelt. Ein alter Mann mit Schiebermütze stützt sich auf einen Krückstock. 

Roland Awakjan sitzt auf einer Bank unter dem Porträt des Oberhaupts der armenischen Kirche und blickt ins Leere. Am Morgen hat er sich mit seiner Familie in dem Haus gemeldet, das zur Erstaufnahmeeinrichtung für Kriegsflüchtlinge umfunktioniert wurde. Jetzt wartet er darauf, wie und wo ihr neues Leben beginnt.

Es ist ein Leben jenseits der Heimat, die er vor wenigen Tagen vielleicht für immer verlassen musste. Awakjan und seine Familie – insgesamt sind sie zu siebt, darunter zwei Säuglinge, zusammen vier Generationen – stammen aus Bergkarabach.

Die Bergregion wurde bisher überwiegend von Armeniern bewohnt, völkerrechtlich steht sie aber Aserbaidschan zu. Die Soldaten aus Baku eroberten in sechs Wochen Krieg weite Gebiete mit türkischer Unterstützung, syrischen Söldnern und modernem Kriegsgerät. Seit einigen Tagen schweigen nun die Waffen in Bergkarabach, etwa 200 Kilometer Luftlinie östlich von Armeniens Hauptstadt Eriwan entfernt. Armenien und Aserbaidschan haben sich unter Vermittlung des russischen Präsidenten Wladimir Putin auf eine Waffenruhe geeinigt.