Wäre die Steuerschätzung ein Essen, so wäre es im Gegensatz zu vielen anderen Gutachten frisch zubereitet: Seit Dienstag beratschlagten Experten wieder drei Tage lang im Bundesfinanzministerium darüber, welche Einnahmen der Staat in den kommenden Monaten und Jahren erwarten darf. Das Ergebnis, das Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) im Anschluss an die Beratungen vorstellte, berücksichtigt also auch die zweite Corona-Welle und den Shutdown im November. Und zumindest unter diesen Vorzeichen ist es erfreulich.

Demnach werden die Einnahmen im laufenden Jahr etwas höher ausfallen als noch im September angenommen. Damals hatten die Schätzer wegen der Corona-Pandemie eine außerplanmäßige Prognose abgegeben und waren auf Gesamteinnahmen von knapp 718 Milliarden Euro gekommen. Laut der neuen Vorhersage kann der Staat nun 2020 mit zehn Milliarden mehr rechnen, über die kommenden vier Jahre sind es 16 Milliarden mehr. Der November sei fraglos ein trüber Monat, so der Vizekanzler ungewohnt poetisch: „Allerdings der Blick nach vorne geht in die Sonne.“

Es bleibt aber noch reichlich Schatten, das zeigt der Blick auf die letzte Prognose vor der Krise. Im November vergangenen Jahres hatten die Steuerschätzer für 2020 noch Einnahmen von 816 Milliarden erwartet. Die Krise hat in die öffentlichen Haushalte demnach allein in diesem Jahr ein Loch von rund 88 Milliarden Euro gerissen.

Dass dieses Loch durch den neuen Lockdown nicht noch größer wird, liegt vor allem an der begrenzten Zahl der Betroffenen: Gastronomie und Tourismus machten „nur einen kleinen Teil unserer Wirtschaft“ aus, sagte Monika Schnitzer von den Wirtschaftsweisen dem SPIEGEL. Das neue Jahresgutachten des Beratergremiums ist noch etwas optimistischer als die Herbstprojektion der Regierung, auf der die Steuerschätzung beruht.

Doch was ist, wenn es nicht beim November-Shutdown bleibt? Wenn der Staat längere und möglicherweise umfassendere Schließungen verhängt?

Olaf Scholz hat mehrfach versichert, an…