von Jonas Breng
11.11.2020, 11:39 Uhr

Die Wahrheit über den Konflikt um die Region Bergkarabach ­findet sich auf den Friedhöfen, in den Leichenhallen und Krankenhäusern. Eine Reise an die Front.

<br/>

Am dunkelsten Ort Jerewans wächst ein Honigapfelbaum im Garten. Knorrig und aufrecht steht er da. Wie einer, den nichts erschüttern kann. Dr. Harutyunyan kann den Baum aus dem Fenster seines Büros nicht sehen. Doch er sieht ihn jeden Morgen, wenn er ins Büro kommt. Und jeden Abend, wenn er nach Hause geht. Dazwischen liegen meist 16 Stunden Arbeit und im Fall von Dr. Harutyunyan der Tod.

Harutyunyan, ein feiner Herr im karierten Sakko, der die Oper und Aprikosen-Cognac liebt, ist Armeniens oberster Forensiker, und seit dem Krieg, sagt er, hat er keine Zeit mehr, sich an der Natur zu freuen. Denn in den Gängen seines Instituts stapeln sich die Aufträge. Sie liegen in Plastiksäcken verpackt, teilweise auf dem Boden, weil sein Team mit den Identifizierungen der Toten kaum hinterherkommt. Wie viele es genau sind, das darf Dr. Harutyunyan allerdings nicht sagen. Der Staat hat es ihm verboten. Man könnte sagen, der 58-Jährige hütet nicht nur den Tod. Sondern auch ein Geheimnis. Es spinnt sich um eine Frage: Wie schlimm ist der Krieg von Bergkarabach wirklich?

Gekommen, um zu sehen