Als am Montagabend in der Wiener Innenstadt Tote und Verletzte gemeldet wurden, sah es erst so aus, als ob ein Terrorkommando durch die Straßen gezogen sei. An mehreren Orten fielen innerhalb weniger Minuten Schüsse: am Morzinplatz, am Fleischmarkt, am Franz-Josephs-Kai, in der Nähe der Synagoge in der Seitenstettengasse. Mehrere Attentäter wurden befürchtet, die aus Sturmgewehren wahllos auf Lokalbesucher und Passanten schießen, wie vor fünf Jahren in Paris.

Einen Tag später zeichnet sich immer deutlicher ab: Es war wohl nur ein Mann, der die Schüsse im Wiener Ausgehviertel abfeuerte, vier Menschen tötete und 22 weitere verletzte: Kujtim F., 20, geboren in Mödling bei Wien, Inhaber eines österreichischen und eines nordmazedonischen Passes.

Ausgestattet mit einer Kalaschnikow, einer Pistole und einer Machete schritt er zur Tat. Bis ihn ein Polizist mit einer tödlichen Kugel stoppte. Am Körper trug er einen Sprengstoffgürtel, der sich allerdings als Attrappe erwies. Es scheint, als habe der Angreifer seinen eigenen Tod eingeplant.

Der islamistische Terrorismus ist zurück

Ob es Hintermänner oder Helfer gab, ist noch offen. Am Abend nahm die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) den Anschlag für sich in Anspruch und bezeichnete den Attentäter als „Soldat des Kalifats“. Dazu postete eine IS-nahe Agentur ein Selfie, das ihn offenbar mit seinen Waffen zeigt.

Wie der mutmaßliche Attentäter von Dresden, der am 4. Oktober auf ein schwules Paar einstach und einen Mann tötete, hatte Kujtim F. eine Jugendstrafe wegen Terrordelikten abgesessen. Er kam vorzeitig aus dem Gefängnis, einen Anschlag trauten ihm die Behörden offenbar nicht zu – eine fatale Fehleinschätzung.

Dresden, Conflans-Sainte-Honorine, Nizza, jetzt Wien: Der islamistische Terrorismus ist zurück in Europa. Nach dem Niedergang des IS in Syrien und im Irak wirkte es zunächst so, als wäre diese Gefahr eingedämmt. Größere, koordinierte Anschläge, so sahen es Sicherheitsexperten, waren…