In der Tiefe einer Konzerthalle, allein auf einem Podest, sitzt ein Mann, sein Haupt tief gesenkt, fokussiert auf die Tasten des Konzertflügels vor ihm: Der Mann ist Keith Jarrett, der weltberühmte Pianist. Am 3. Juli 2016 gibt er in dem Budapester Béla Bartók-Konzertsaal ein Konzert und wirkt kaum anders als 41 Jahre zuvor, als er am 24. Januar 1975 in der Kölner Oper ein gut anderthalbstündiges, improvisiertes Konzert gab, dessen Mitschnitt, „The Köln Concert“, die meistverkaufte Jazz-Platte eines Solo-Künstlers überhaupt werden sollte. Damit wurde Jarrett zur Jazz-Legende – wenn auch mit Star-Allüren. 

Die Pianisten-Karriere wurzelt in Allentown, jener Industriestadt im US-Staat Pennsylvania, die Billy Joel im Song „Allentown“ besang. Dort wurde Keith Jarrett am 8. Mai 1945 geboren, just an dem Tag, an dem in Europa der Zweite Weltkrieg endete. Mit drei Jahren begann Jarrett, ältester von fünf Söhnen einer christlich geprägten Familie, Klavier zu spielen. Zur Freude seiner aus Europa eingewanderten Großeltern hatte er ein klassisches Repertoire, spielte Bach, Brahms und Beethoven oder auch Mussorgsky.

Von Mussorgsky zu Miles Davis

Am 12. April 1953 um drei Uhr nachmittags, berichtet sein Biograf Wolfgang Sandner, bestieg das Wunderkind die Bühne eines Gemeindehauses in Allentown und reüssierte erstmals solistisch. Noch waren es klassische barocke und romatische Werke, die er aufführte.

Keith Jarrett bei einem Konzert 1972

Und dann kam der Jazz: In dessen Kosmos steuerte Jarrett steil nach oben, wenngleich im Zick-Zack-Kurs über Pianos -Bars nd große Jazz-Festivals, um schließlich im Olymp zu landen. Keith Jarrett erspielte sich 1969 als E-Pianist einen Platz in der Formationen des Jazz-Titans Miles Davis.

Doch die Zusammenarbeit währte nur kurze Zeit, denn Jarrett wollte als Solo-Künstler durchstarten. Bis 1975 tourte er durch die Welt, gab zahlreiche Solo-Konzerte, darunter auch eben jenes „Köln Concert“, das sein…