Kaum eine Wolke ist an diesem warmen, sonnigen Oktobernachmittag am Himmel über Lesbos zu sehen. Nur über Safiya Mohammadis dunkelbraunen Augen liegt ein Schatten. Die 24-jährige Asylsuchende aus Afghanistan sitzt am Ufer einer kleinen Bucht in der Nähe der Inselhauptstadt Mytilene und blickt auf das tiefblaue Wasser der Ägäis.

Sie denkt an ihren kranken Ehemann im neuen Flüchtlingslager. An ihren fünfjährigen Sohn, der eine Brandverletzung am linken Bein erlitten hat. An ihren Zweijährigen, der das Essen im Lager verabscheut und sich weigert, es zu essen. Sie denkt an den kommenden Winter, wenn warme Nachmittage wie dieser bald von Kälte und vielleicht Schnee abgelöst werden. Vor allem beunruhigt sie, dass es keinen klaren Weg für die Zukunft gibt. Sie hat keine Ahnung, wann sie zu ihrem Asylantrag befragt wird, obwohl es ein Jahr her ist, dass sie mit einem Schlauchboot aus der Türkei auf Lesbos angekommen ist.

„Wir hatten es in Moria besser“, sagt Mohammadi mit einem Seufzer. Eine Aussage, die fassungslos machen kann – man hört sie jedoch von vielen Asylbewerbern auf Lesbos. Moria, das größte und berüchtigtste Lager Europas, war zum Synonym für einen höllischen, gesetzlosen, verkommenen Ort geworden, an dem grundlegende Menschenrechte jahrelang mit Füßen getreten wurden.

Ein Sieben-Quadratmeter-Zelt für vier Personen

Moria gibt es nicht mehr. Es wurde vergangenen Monat dem Erdboden gleichgemacht, als eine zweitägige Feuersbrunst 13.000 Asylsuchende obdachlos machte. Als Reaktion darauf errichteten die griechischen Behörden in aller Eile ein provisorisches Lager auf einem verfallenen Schießplatz der Armee, etwa 3 km südöstlich, direkt am Meer, in einem Ort namens Kara Tepe.

Nachdem sie sich wochenlang geweigert hatten, es zu betreten, leben nun etwa 7500 Menschen in dem neuen Lager, das sich über eine riesige Fläche von 35.000 Quadratmetern erstreckt. Auf sieben Quadratmetern davon steht Mohammadis neues Zuhause – ein UNHCR-Zelt, in dem sie mit…