Wie entscheidend wirksame Medikamente für das Überleben von Menschen sind, müsste in Zeiten der Pandemie auch dem Letzten klar geworden sein. Sollte man meinen. Doch wenn es um die Interessen der Fleischbranche, der Pharmaindustrie und des Agrobusiness geht, scheint das nicht mehr zu gelten. Anders ist nicht zu erklären, was die Nichtregierungsorganisation Germanwatch im Kleingedruckten des Entwurfs für die EU-Verordnung 2019/6 über Tierarzneimittel fand. Es ist eine Kapitulation vor der Billigfleischlobby.

Der Entwurf legt fest, welche antimikrobiellen Wirkstoffe für die Behandlung beim Menschen vorbehalten werden sollen. Die Europäische Union hatte 2018 beschlossen, dass sogenannte Reserveantibiotika künftig ausschließlich den Menschen vorbehalten sein sollen. Angesichts der weltweit wachsenden Resistenzen gegen gängige Antibiotika sind diese extrem starken Medikamente oft das letzte Mittel, um Leben zu retten. Die Weltgesundheitsorganisation WTO hatte ein Jahr zuvor eine Liste dieser Lebensretter erstellt und alle Länder inständig darum gebeten, diese Wirkstoffe nur noch beim Menschen einzusetzen und auch nur dann, wenn kein anderes Antibiotikum mehr greift. Denn wenn bei übermäßigem Gebrauch Resistenzen auch gegen diese Reserveantibiotika entstehen, fällt diese letzte Schutzmauer einfach weg.

Wachsweiche Formulierung

Doch nun findet sich plötzlich ein Passus im EU-Entwurf, der den Gebrauch dieser lebensrettenden Medikamente auch für Tiere weiter erlauben soll – und offenbar in großem Stil. Der Einsatz würde gestattet, wenn ein Tier von einer „ernsthaften Erkrankung oder dem Tod“ bedroht wäre und wenn es für das „Tierwohl“ notwendig sei. Eine wachsweiche Formulierung, die dem nahezu unbegrenzten Einsatz der Mittel in der industriellen Nutztierhaltung Tür und Tor öffne, warnen Kritiker. Besonders perfide: Ausgerechnet jene Branche, die seit Jahr und Tag eine wirkliche Verbesserung der Tierhaltung bekämpft und die Tiere oft in grausame…