Krachend fällt das Eisengitter ins Schloss, kurz müssen sich seine Augen an die Dunkelheit im Zellenblock gewöhnen. Aus der Finsternis strecken sich ihm Hände entgegen. „Momo Jesus ist da!“, ruft jemand, und aus den Zellen hallt dröhnend, wispernd und stöhnend das Echo: „Momo Jesus, Momo Jesus!“

Momo Jesus, der eigentlich Momo Moses Kargbo heißt, ist Sozialarbeiter bei Don Bosco Fambul, einer lokalen NGO, deren Träger die katholische Ordensgemeinschaft der Salesianer Don Boscos ist. Ein hochgewachsener Mann Anfang fünfzig. Kariertes kurzärmeliges Hemd, glatt rasiert – kein Mensch, der viel Gewese um sich macht.

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Momo Jesus lief als Kind von zu Hause weg und schlug sich auf der Straße durch

Foto: Benjamin Moscovici

Aber hier, im Male Correctional Center, dem heillos überfüllten Zentral- und Hochsicherheitsgefängnis in Sierra Leones Hauptstadt Freetown, ist er für viele die letzte Hoffnung. Seit Jahren kommt er die Insassen besuchen. Von Montag bis Freitag. Jeden Tag. Er zeigt ihnen, dass die Welt da draußen sie nicht vergessen hat.

Das war bis vor wenigen Monaten vor allem moralisch und emotional wichtig; inzwischen hängt davon das Leben der knapp 1400 Männer ab.

Denn: Es gibt über die Gefangenen keine Unterlagen mehr. Nichts. Gar nichts. Alles weg. Wie lang sind ihre Haftstrafen? Wann sind sie eingefahren, und wann dürfen sie wieder raus? Fragen, die in der Gefängnisverwaltung niemand mehr beantworten kann. Wie konnte es dazu kommen?

„Hier hat es angefangen“, murmelt Momo Jesus leise, während er tiefer ins Dunkel des lang gezogenen Zellentrakts dringt. Bei dem Gedanken an jenen 29. April wird ihm noch immer leicht übel. Lange haben ihm die Ereignisse jenes Morgens den Schlaf geraubt, haben ihn die Bilder im Traum heimgesucht.

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Knapp 1400 Menschen leben in dem Männergefängnis, dem größten in Sierra Leone

Foto: Benjamin Moscovici

Zwei Tage zuvor war der erste…